"Traut euch, anders zu sein.": Wir feiern die Frauen hinter den Kulissen des Caux Palace

29/03/2024
Eliane Women's Day square DE

 

Anlässlich des diesjährigen Internationalen Weltfrauentages und des Monats der Frauengeschichte wollten wir einige der aussergewöhnlichen Frauen hervorheben, die im Caux Palace und in der Stiftung Caux Initiativen der Veränderung ihre Spuren hinterlassen haben.

Eine dieser Frauen ist die Archivarin der Stiftung, Eliane Stallybrass. Sie hat uns Zugang zu ihrer ganz besonderen Welt hinter den Bühnen des Caux Palace gewährt, wo sie seit Anfang der 2000er Jahre daran arbeitet, die reiche Geschichte des Hauses zu bewahren und dafür zu sorgen, dass dieser Teil des Stiftungsvermögens intakt bleibt und auch künftigen Generationen zugänglich ist.

 

Eliane Stallybrass archives 2024 credit Antonin Lechat
Eliane im Caux Palace beim Katalogisieren und Scannen von Fotos (Foto: Antonin Lechat)

 

Eliane, was ist deine derzeitige Rolle bei Caux Initiativen der Veränderung und seit wann? 

Eliane: Ich arbeite seit Anfang der 2000er Jahre als Archivarin für die Stiftung Caux Initiativen der Veränderung und habe gerade die Leitung an meinen Nachfolger, Simren Cornut, übergeben. Ich sortiere, scanne und inventarisiere aber immer noch Hunderte von Fotos. 

 

Welche anderen Rollen hast du in der Vergangenheit übernommen? 

Eliane: Ich habe von allem ein bisschen gemacht. Als junge Erwachsene war ich Teil einer Musikrevue, die verschiedene Länder bereiste, um die Ideen von Initiativen der Veränderung (IofC) vorzustellen, z. B. in Indien. Ich habe auch während der Apartheid in Südafrika gelebt, wo ich an IofC-Projekten beteiligt war.

Hier im Caux Palace hatte ich sehr unterschiedliche Positionen inne. Ich arbeitete in der Abteilung, die für die Unterbringung der Konferenzteilnehmenden zuständig war, ich war Teamleiterin im Speisesaal, Dolmetscherin und Rednerin bei Sitzungen und Veranstaltungen. Ich kümmerte mich um die finanziellen Bedürfnisse des Zentrums und sammelte Spenden. Ausserdem war ich einige Jahre lang Betriebsleiterin der Sommerkonferenzen im Caux Palace. Dann, als Mitglied und Vizepräsidentinnen der Caux-Stiftung, hatte ich vor allem Verwaltungsarbeit zu erledigen.

 

Eliane Stallybrass pictures FANW
Links: Eliane (rechts) mit dem Bürgermeister von Delhi, H R Grupta, und Joyce Kneale, Grossbritannien.
Bild rechts: Eliane (rechts) mit Botschafter Chiba (Japan) und seiner Frau in Caux (Foto: Christoph Spreng).

 

Was war deine Lieblingsbeschäftigung?

Eliane: Eigentlich hatte ich keine Lieblingsbeschäftigung, sie kamen ganz natürlich, nach und nach.

 

Kannst du uns etwas über die Rolle und Position der Frauen bei Initiativen der Veränderung in der Vergangenheit erzählen? 

Eliane: Diese Rolle hat sich glücklicherweise verändert. Zu Beginn reisten verheiratete Frauen viel mit ihren Ehemännern, um an Aktivitäten der Bewegung in der ganzen Welt teilzunehmen. Ledige Frauen blieben in den Zentren, leiteten diese und kümmerten sich oft um die Kinder der abwesenden Paare, die im Ausland mit Initiativen der Veränderung arbeiteten. Wenn sie jedoch Teil einer Show oder einer Musikrevue waren, reisten sie, so wie ich es tat.

Im Allgemeinen war die Bewegung in diesem Bereich nicht gerade bahnbrechend. Männer schienen die Anführer zu sein und nur hochkarätige Frauen, wie die Französin Irène Laure, die in der Resistance mitbemacht hatte, hatten ein Mitspracherecht.

 

Eliane Stallybrass archives
Von links nach rechts: Die erste Archivarin des Caux Palace, Erika Utzinger, und ihr Mann im Archiv / Eliane, Cyril Michaud und Brian Thirlaway bereiten den Umzug des Archivs ins Kantonale Archiv in Lausanne vor (Foto: A. Stallybrass) / Umzugstag des Archivs 2002

 

Hat sich das im Laufe der Zeit geändert und wenn ja, wie? 

Eliane: Ja, es hat sich viel verändert, vor allem mit der Ankunft der Babyboomer. Unsere Generation hatte die Gründer der Bewegung, Frank Buchman oder Peter Howard, die lange Zeit an der Spitze von Initiativen der Veränderung gestanden hatten, nicht mehr erlebt, und wir brachten unsere eigene Note ein, mit unseren eigenen Initiativen und der Übernahme von Verantwortung.

Doch die Männer blieben lange Zeit "an der Spitze". Erst Mitte der 2000er Jahre hatte die Caux-Stiftung endlich eine weibliche Präsidentin. Heute würde ich sagen, dass es bei der Übernahme von Verantwortung keinen Unterschied mehr zwischen Männern und Frauen gibt.

 

Wie haben dir Initiativen der Veränderung - und die Aktivitäten im Caux Palace - bei deinen eigenen Bestrebungen als Frau geholfen? 

Eliane: Ich denke, dass ich anfangs keine besonderen Bestrebungen hatte. Wir lebten in einer ganz anderen Gesellschaft als heute und es gab nur wenige berufliche Möglichkeiten für Frauen.

Initiativen der Veränderung und Caux haben mir die Möglichkeit gegeben, viele verschiedene Dinge zu tun: reisen, auf der Bühne stehen, internationale Arbeitsteams leiten, mich mit politischen oder anderen Situationen auf der ganzen Welt vertraut machen, interessante Menschen treffen und manchmal auch Verantwortung übernehmen - kurz gesagt, ein ganzes Leben, das ich nicht gehabt hätte, wenn ich in dem Beruf geblieben wäre, für den ich ausgebildet worden war, nämlich als Lehrerin.

 

Wenn es eine Frau in der Weltgeschichte gibt, mit der du dich bei einer Tasse Tee unterhalten könntest - welche wäre das und warum?

Eliane: Vielleicht Jacinda Ardern, die ehemalige Premierministerin Neuseelands. Sie war Politikerin und hatte gleichzeitig viel Einfühlungsvermögen für die Menschen.

 

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Im Archiv beim Sortieren von Fotos (Foto: Antonin Lechat)

 

Erzähl uns von den Frauen bei Initiativen der Veränderung, die "im Schatten" hinter den Kulissen gearbeitet haben.

Eliane: Diesen Frauen war der Dienst am Anderen wichtig. Sie waren pragmatisch. Ohne diese Frauen hätte das Caux Palace nicht funktionieren können.

In Caux anzukommen und ein geputztes Zimmer vorzufinden, nach einer Veranstaltung eine Mahlzeit mit Gemüse und Obst zu sich zu nehmen, das von einem Team in aller Frühe zubereitet wurde, den heiligen 4-Uhr-Tee zu trinken, sich um die Kinder anderer Leute zu kümmern, die Kunstwerke an den Wänden des Caux Palace zu katalogisieren, Blumensträusse zu binden - all das war für viele, vor allem für Männer, selbstverständlich. Aber hinter all diesen Aufgaben standen lange Zeit nur Frauen, die übrigens aus der ganzen Welt kamen.

 

Warum war es für dich wichtig, Frauen in dem Buch 75 Jahre der Geschichten über Caux hervorzuheben, das 2021 zum 75-jährigen Bestehen der Stiftung veröffentlicht wurde?

Eliane: Für mich war das eine Selbstverständlichkeit. Eine der Frauen hinter den Kulissen war übrigens meine Vorgängerin, Erika Utzinger, die erste Archivarin der Stiftung. Sie arbeitete im Sekretariat in Caux und war überzeugt, dass man all die Dokumente und Papiere, die von den Geschehnissen im Caux Palace zeugten, nicht verloren gehen lassen durfte. Also begann sie 1961 damit, jedes Papier am richtigen Ort abzulegen, nach Jahr, Thema und Person.

Es war eine Riesenarbeit. Geduldig, Jahr für Jahr, sammelte sie alles, was herumlag, und schuf so einen aussergewöhnlichen Bestand an sehr internationalem Material. Im Jahr 2002 wurde ihre Arbeit belohnt, als wir die ersten Laufmeter der Geschichte des Caux Palace in das Waadtländer Kantonsarchiv in Lausanne umzogen. Bis heute haben wir bereits rund 202 laufende Meter Material übermittelt, darunter 63 Filme und 4.821 Sitzungen, die digitalisiert wurden und nun im Kantonsarchiv Lausanne und online auf der Plattform For a new World zugänglich sind.

Das Interessante an Erika war, dass sie nicht viel Lärm machte. Sie hatte wahrscheinlich nie von der Bühne einer Konferenz aus gesprochen, aber dank ihrer Arbeit im Archiv hat sie den Caux Palace für zukünftige Generationen auf die Landkarte gesetzt.

 

Eliane Stallybrass archives 2024 credit Antonin Lechat
(Foto: Antonin Lechat)

 

Wie siehst du die Zukunft für Frauen, sei es in der Stiftung Caux Initiativen der Veränderung oder generell? 

 Eliane: Ich denke, dass es gut läuft. Frauen sind überall, spielen ihre Rolle.

 

Welchen Rat würdest du den jungen Frauen von heute geben?

Eliane: Nicht die Männer zu imitieren. Sie sollen ihre Arbeit natürlich sehr gut machen, aber sie sollen sich immer trauen, ihre persönliche Note einzubringen.

Als ich Mitglied des Stiftungsrats der Caux-Stiftung war, musste ich manchmal all meinen Mut zusammennehmen, um es zu wagen, in dieser fast hauptsächlich von Männern besetzten Gruppe eine Frage zu stellen. Ich hatte Angst, lächerlich zu wirken. Aber ich merkte oft, dass die Männer froh waren, dass ich diese Fragen stellte, und sie stellten sie sich auch, aber sie hatten nicht den Mut, sie laut auszusprechen.

Man muss sich einfach trauen, anders zu sein.  

 

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Eliane Stallybrass

Eliane Stallybrass wurde in Lausanne in der Schweiz geboren. Sie studierte am Lehrerseminar in Lausanne, um Lehrerin zu werden, und begann 1968 mit der Moralischen Aufrüstung (heute Initiativen der Veränderung) zu arbeiten. Sie schloss sich der Truppe des Musicals "Anything to Declare?" an und das Stück wurde nach Asien und Australasien eingeladen. Nach ihrer Rückkehr verbrachte sie zehn Jahre im Zentrum von Initiativen der Veränderung in Boulogne-Billancourt. Von dort aus nahm sie an Aktivitäten in Frankreich, Spanien, Indien und Sri Lanka teil. In den 1970er Jahren beteiligt sie sich an der Einführung und Förderung des "Schwarz-Weiss-Buchs", u. a. in Finnland. 1980 heiratete sie und sie verbrachten während der Zeit der Apartheid gemeinsam etwas mehr als ein Jahr in Südafrika an der Seite des dortigen Teams von Initiativen der Veränderung. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz liessen sich Andrew und Eliane in Genf nieder und arbeiteten mit verschiedenen UN-Organisationen zusammen. Eliane trat 1981 in den Rat der Caux-Stiftung ein und von 1988 bis 1997 war sie dessen Vizepräsidentin. Von 2008 bis 2012 ist sie Betriebsleiterin im Caux Palace. Anfang der 2000er Jahre übernahm sie das Archiv von Caux, das sie zusammen mit dem neuen Archivar der Stiftung weiterhin bearbeitet.

 

Gender-Gleichstellung ist ein Ziel, das wir unermüdlich verfolgen müssen. Lassen Sie uns gemeinsam in Solidarität zusammenkommen, um eine Welt zu schaffen, in der jede Frau ihr Potenzial ohne Hindernisse entfalten kann. Indem wir zusammenarbeiten, einander zuhören und hartnäckige Barrieren abbauen, werden wir eine gerechtere und integrativere Gesellschaft für alle Menschen aufbauen.

 

 

Von Ulrike Ott Chanu

 

 

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