CCHN, frontline Geschichten von der Front

Menschliche Bibliothek in Genf

10/12/2018

 

Menschen, die im humanitären Sektor vor Ort tätig sind, müssen sich jeden Tag an den gefährlichsten Orten dieser Welt mit agressiven Gruppen auseinandersetzen und benötigen spezielle Fertigkeiten und Kenntnisse. Organisationen, wie das International Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), Ärzte ohne Grenzen und das Welternährungsprogramm, investieren energisch in die Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden, um deren Verhandlungstechniken, die Sicherheitsbedingungen und internationale humanitäre Richtlinien zu fördern.

Trotzdem seien professionelle Fertigkeiten nicht ausreichend, so die vier Frontlinien-Mediatorinnen und -Mediatoren, die am 4. Dezember 2018 an der menschlichen Bibliothek teilnahmen, die vom Kompetenzzentrum für humanitäre Verhandlungen (CCHN) und Initiativen der Veränderung Schweiz organisiert wurde. Ausgeprägte menschliche und zwischenmenschliche Fähigkeiten sowohl auch Empathie und Liebe seien ebenfalls unumgänglich.

Das Event fand am 4. Dezember 2018 bei der dritten Jahresversammlung des CCHN statt, einer Gemeinschaft für humanitäre Helferinnen und Helfer sowie Organisationen, die aus einer gemeinsamen Initiative des IKRK, des UN-Flüchtlingshochkommissariats, WFP, MSF Schweiz und dem Zentrum für humanitäre Dialoge (HD) entstanden ist.

Eines der menschlichen Bücher, Óscar Sánchez Piñeiro, ist Feldkoordinator der UNHCR im Irak und beschrieb, wie er sich als Spanier, der in einer Konfliktregion der USA aufgewachsen war, einige seiner grundlegendsten Verhandlungstechniken erarbeitet hatte. Als Kind und Jugendlicher, erzählte er, sei Gewalt etwas alltägliches gewesen. Er habe sich seinen Weg in die und von der Schule heim erhandeln müssen. "Man musste genau wissen, wie man auf diesen Strassen laufen musste." Eine der Hauptaspekte der humanitären Verhandlung sei die Fähigkeit, von Mensch zu Mensch Beziehungen aufbauen zu können, erklärte er.

Vivian Caragonis, die im Südsudan für WPF arbeitet, sprach über den Umgang mit Menschen, die die schlimmstmöglichen Verbrechen begangen und menschliche Rechte auf schlimme Weise missbraucht haben. "Man muss vergeben können," sagte sie. "Und man darf nicht vergessen, dass es Gerechtigkeit für diese Verbrechen geben wird." Liebe und ihre religiösen Überzeugungen ständen für sie im Vordergrund ihrer humanitären Arbeit. "Wenn man seinem Gesprächspartner Liebe entgegenbringt, erfüllt man humanitäre Grundprinzipien. Ausserdem erlebt man dadurch positive Überraschungen und man bleibt neutral und unabhängig."

Raphael Veicht, Leiter für MSF im Südsudan, und Markus Brudermann, Leiter der Regionaldelegation des IKRK in Kamerun, sprachen auf persönliche und teils intime Weise über die Herausforderungen ihrer Arbeit.

Anschliessend präsentierte Joëlle Germanier, Fachfrau für Negotiation Support beim CCHN, offiziell das erste CCHN-Feldhandbuch für humanitäre Verhandlungen an der Front. Sie erklärte, die Fülle des Dokuments liege in der Tatsache, dass der Ansatz nicht akademisch orientiert sei, sondern Erfahrungen und Lektionen von Front-Mediatorinnen und -Mediatoren aus aller Welt wiedergebe.

Das Event war die letzte menschliche Bibliothek 2018, die von Initiativen der Veränderung in Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen durchgeführt wurde. Sie war Teil der Eventreihe "Begegnungen, die bereichern" und bewies erneut, dass Storytelling in einem hochinstitutionalisierten Kontext, wie im internationalen Genf, die übliche Dynamik von Konferenzen mit Fachleuten aufbricht und eine völlig neue Atmosphäre schafft. Sie ermöglicht den Teilnehmenden den Kontakt mit anderen und Netzwerkarbeit auf menschlichere Weise und zeigt den ganzen Umfang von Vertrauen bei der Förderung von Frieden, Dialog und Toleranz auf.

 

©Mark Henley | CCHN

 

 

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