"Die Ukraine und unsere Kinder erwartet eine grosse Zukunft!"

Ein Caux Refuge-Interview von Anastasia Slyvinska

04/05/2022
Nadia Donos (credit: Sophia Donos)

 

Dieser Artikel ist das dritte Interview in einer Reihe von Gesprächen mit Menschen, die vom Krieg in der Ukraine betroffen sind und in der Caux Refuge in der Schweiz eine vorübergehende Unterkunft gefunden haben.

 

Bevor der Krieg in der Ukraine ausbrach, arbeitete Nadia Donos in ihrem Traumberuf als Lehrerin für ukrainische Sprache und Literatur und hat im Laufe ihrer Karriere schon zahlreiche Projekte im Bildungsbereich erfolgreich umgesetzt.

Auch nach fast zwei Jahrzehnten Lehrtätigkeit bildet sie sich weiter und engagiert sich für den lebenslangen Lernprozess jedes Menschens. Als Absolventin der Kyiv-Mohyla Business School und des Programms School of Educational Managers ist sie Mitinitiatorin eines Kurses für Kinder und Jugendliche, hat Lehrerhandbücher für das Programm Leader in Me herausgegeben sowie Schulungen und Workshops in ihrer Heimatstadt Poltava in der Zentralukraine durchgeführt.

Als Kind konnte sich Nadia nicht vorstellen, etwas anderes als Lehrerin zu werden. Dieser Traum und ihr friedliches Familienleben in Poltawa wurden durch die russische Invasion jäh unterbrochen, als sie mit ihrer 17-jährigen Tochter aus der Ukraine fliehen musste, während ihr Mann zurückblieb.

Nadia, die jetzt im Caux Refuge lebt, unterrichtet weiterhin vollzeitlich Kinder in der Ukraine online und beginnt demnächst als ehrenamtliche Lehrerin für ukrainische Flüchtlingskinder in Genf.

 

Nadia Donos (credit: Sophia Donos)
 
Nadia während einer Online-Unterrichtsstunde in der Villa Maria in Caux (Foto: Sophia Donos)

 

Nadia, unter welchen Umständen haben Sie und Ihre Tochter beschlossen, Ihre Heimatstadt zu verlassen?

Nadia: Meine Tochter und ich verliessen Poltawa Anfang März. Uns war klargeworden, dass es zu gefährlich geworden war, dort zu bleiben. Es gab ständig Luftalarm und fast keine Möglichkeit, normal zu unterrichten und zu studieren. Wir verbrachten jede Nacht im Keller der Schule, weil es zu beklemmend war, in dem Hochhaus zu bleiben, in dem wir wohnten. Also beschlossen wir schliesslich, die Schule zu verlassen... Zuerst gingen wir nach Polen und dann nach Caux in der Schweiz.

 

Wie sind Sie nach Caux gekommen? Kannten Sie hier schon jemanden?

Nadia: Mein Mann Leonid engagiert sich aktiv bei Initiativen der Veränderung. Er war schon mehrmals an Konferenzen in Caux (2017 - 2019) und kennt viele Leute hier. Es ist Initiativen der Veränderung und diesen Freunden zu verdanken, dass meine Tochter Sophia und ich jetzt hier sind. Natürlich sind wir sehr dankbar für all die Hilfe und Koordination, die Initiativen der Veränderung geleistet hat. Ohne dies wäre es sehr schwer für uns.

 

Arbeiten Sie weiterhin online?

Nadia: Ja, ich arbeite immer noch Vollzeit und gebe Online-Kurse für Kinder in der Ukraine.

 

Was ist die grösste Motivation für Sie als Lehrerin in Zeiten des Krieges?

Nadia: Es ist eine Herausforderung. Die Kinder machen sehr schwierige Momente durch. Aber diese Kinder, ihre Träume und Perspektiven sind meine grösste Motivation. Jetzt stehen jeder Ukrainer und jede Ukrainerin an der eigenen persönlichen Frontlinie und muss herausfinden, was er oder sie am besten kann. Während sie lernen, führen unsere Kinder und Lehrkräfte einen wichtigen Kampf um die Zukunft des Landes. Und diese Zukunft wird uns niemand nehmen können, auch nicht die russische Armee. Ich bin überzeugt, dass die Ukraine und unsere Kinder eine grosse Zukunft erwartet und die ganze Welt wird davon erfahren! Wir werden also nicht aufhören!

 

View from Villa Maria, 2022 (photo: Anastasia Slyvinska)
Blick von der Villa Maria in Caux, in der das Caux Refuge-Projekt untergebracht ist (Foto: Anastasia Slyvinska)

 

Setzt Ihre Tochter Sophia ihr Studium online fort? Oder ist sie auf der Suche nach einem Studienplatz hier in der Schweiz?

Nadia: Sophia studiert derzeit online mit ukrainischen Lehrkräften, wird aber in etwa einer Woche in Lausanne die Schule beginnen. Caux und seine malerische Umgebung gefallen ihr sehr gut. Ich wünschte nur, sie hätte nicht unter so schrecklichen Bedingungen die Chance gehabt, an diesen schönen Ort zu kommen...

 

Nadia Donos (credit: Sophia Donos)
 
Nadia beim Online-Unterricht (Foto: Sophia Donos)

Sprechen Sie mit Ihren Schülerinnen und Schülerin und Ihrer eigenen Tochter über den Krieg?

Nadia: Ich vermeide es überhaupt nicht, mit den Kindern über den Krieg zu sprechen. Wir sprechen über die aktuelle Situation und ihre Erfahrungen. Meiner Meinung nach haben wir als Lehrende die Möglichkeit, Spannungen und Angstgefühle abzubauen, Vertrauen zu unseren Schülerinnen und Schülerin aufzubauen und sie zu stärken. Das ist in solch schwierigen Zeiten sehr wichtig.

 

Es scheint, dass das Unterrichten Ihre Berufung ist. Wollten Sie schon immer Lehrerin werden?

Nadia: Lehrerin... Dieses Wort war schon immer mit meinem Kindheitstraum verbunden. Ich konnte mir nie vorstellen, einen anderen Weg im Leben einzuschlagen. Als ich klein war, habe ich immer so getan, als wäre ich Lehrerin, habe die hochhackigen Schuhe meiner Mutter angezogen, einen Schal um die Schultern gelegt, trug Hefte und die Lehrbücher meines Vaters mit mir herum, die ich aus unserem alten Dachboden geholt hatte. All das war ein Teil meines Kindheitstraums. Meine "Schüler" waren meine Grossmutter und ihre älteren Freundinnen, die häufig bei uns zu Hause zu Gast waren. Ich zog es vor, sie zu unterrichten, während meine Altersgenossinnen mit Puppen spielten. Ich erinnere mich, dass meine Mutter einmal fragte, was sie mir aus der Stadt mitbringen sollte. Ich antwortete: "Einen roten Stift! Und es muss ein schöner Stift sein! Ich will schön in die Hefte meiner Schüler schreiben, denn ich bin Lehrerin!'

 

Ihr Traum ist also in Erfüllung gegangen!

Nadia: Auf jeden Fall! Es war von Anfang an klar, dass ich mich dafür entscheide. Und mein Traum ist wahr geworden: Ich bin Lehrerin! Trotz der Umstände bin ich stolz darauf, dass ich unterrichten und mich weiterbilden kann. Und jetzt bin ich motivierter denn je!

 

Wie motivieren Sie Kinder unter solch schwierigen Umständen zum Lernen?

Nadia: Während alle noch darüber diskutierten, welches Umfeld Kinder zum Lernen motivieren könnte, haben wir es mit einer Online-Schule namens DONOschool bereits geschafft. Auf die Idee, einen solchen Raum zu schaffen, kam ich nach meinem Studium an der Kyiv-Mohyla Business School. Vor dem Krieg war DONOschool ein Bildungszentrum in Poltawa und seit dem Ausbruch des Krieges arbeiten wir vollständig online. Wir sind ein Team, das neue Ansätze für eine moderne Bildung entwickelt und umsetzt. Wir unterstützen die europäische Integration der Ukraine und tun alles, um Bildung menschlich zu gestalten.

 

Was sind die wichtigsten Ziele und Aufgaben Ihrer Schule?

Nadia: Wir bereiten Kinder auf die Schule und Gymnasiastinnen und Gymnasiasten auf unabhängige externe Prüfungen vor, um ihnen die Zulassung zur Universität zu ermöglichen. Wir unterrichten die ukrainische Sprache, Geschichte und Mathematik in Gruppen von bis zu 6 Schülerinnen und Schülern. Darüber hinaus geben wir Meisterkurse zur Entwicklung von Führungspotenzials bei Kindern und organisieren Beratungen mit qualifizierten Psychologinnen und Psychologen. Mehr denn je helfen solche Online-Kurse, Meisterklassen und Beratungen den Kindern, ihr Selbstvertrauen zu stärken und ihr Potenzial zu entwickeln, um ihre Träume zu verwirklichen.

 

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Nadia: Wie ich bereits gesagt habe, stehen wir alle an vorderster Front, sei es als Lehrende oder medizinisches Personal, als Koch oder Köchin oder Unternehmende. Neben dem Online-Unterricht werde ich ab nächster Woche als ehrenamtliche Lehrerin in Genf arbeiten. Ich werde Kinder in ukrainischer Sprache und Literatur unterrichten und kann es kaum erwarten, meine neuen Schülerinnen und Schüler kennenzulernen!

 

 

Über die Autorin

Anastasia Slyvinska

Anastasia Slyvinska ist Journalistin aus Kiew, Ukraine. Sie hat als TV-Moderatorin, Auslandsreporterin und Managerin für Medienunternehmen in der Ukraine und im Ausland gearbeitet. Da sie sowohl im ukrainischen als auch im kanadischen Parlament gearbeitet hat, kombiniert sie ihre Medienerfahrung mit ihrem politikwissenschaftlichen Hintergrund. Anastasia ist seit 2014 Teil der IofC-Gemeinschaft, als sie zum ersten Mal an der Konferenz Just Governance for Human Security teilnahm. Derzeit hält sie sich in Caux auf.

 

 

 

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IHRE HILFE ZÄHLT!

Da unsere eigenen Finanzquellen zur Neige gehen, brauchen wir Ihre Hilfe, um das Caux Refuge-Projekt finanziell zu unterstützen. Wir benötigen derzeit noch 20.000 CHF, damit die Gruppe bis Ende 2022 untergebracht werden kann. Mit diesem Betrag werden wir Nahrungsmittel und andere Kosten im Zusammenhang mit dem Aufenthalt der Gruppe in der Villa Maria in Caux finanzieren.

Wir danken Ihnen für Ihre Unterstützung. Bitte helfen Sie uns und geben Sie bei Ihrer Spende "Caux Refuge" als Verwendungszweck an. Sollten Sie Vorschläge oder Fragen haben, können Sie uns gerne per Email kontaktieren.

 

 

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Bitte beachten Sie, dass die in diesen Artikeln geäusserten Meinungen die Ansichten der Befragten widergeben und nicht unbedingt die Meinung des Interviewers, der Interviewerin oder von Initiativen der Veränderung Schweiz widerspiegeln.

 

Foto oben: Véronique Sikora

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