Lewis Cardinal: Der Berg, der zuhörte
Die Kraft indigener Stimmen
09/06/2026
Manchmal kommen die Momente, die unser Leben prägen, unerwartet. Für Lewis Cardinal (Kanada) begann ein solcher Moment mit einer nächtlichen Fahrt auf einen Berg und wurde zu einer lebenslangen Reise des Zuhörens, der Zugehörigkeit und der menschlichen Verbundenheit - und zu der Erkenntnis, dass echter Wandel oft leise beginnt.
Als Lewis Cardinal 2004 zum ersten Mal im Caux Palace ankam, zeigte sich der Berg von seiner rauen Seite.
Es war nach ein Uhr morgens, als ihr Wagen den langsamen Aufstieg oberhalb von Montreux begann. Der Regen prasselte so heftig gegen die Windschutzscheibe, dass die Scheibenwischer kaum hinterherkamen. Blitze zuckten über den Himmel und tauchten die dunklen Alpenbäume für einen Augenblick in grelles weisses Licht, bevor sie wieder in der Dunkelheit verschwanden.
Neben ihm versuchte seine Frau, ihre Angst vor den steilen Abgründen am Strassenrand mit einem Lachen zu überspielen. Auf dem Rücksitz drückte seine Tochter ihr Gesicht gegen die Scheibe. Als sie schliesslich vor dem Caux Palace ankamen, dachte Lewis: „Es sieht aus wie Frankensteins Schloss.“
Dann öffnete sich die Eingangstür, und er wurde in der wohligen Wärme willkommen geheissen.
Auch Jahre später erinnerte sich Lewis noch an diesen Moment – nicht an den Sturm oder an das surreale Gefühl, mitten in der Nacht einen Palast an einem Berghang zu entdecken. Was ihm im Gedächtnis blieb, war etwas viel Einfacheres: die Freundlichkeit, die ihm entgegengebracht wurde. Nachdem er sein ganzes Leben lang erfahren hatte, wie es sich anfühlte, am Rand zu stehen und von außen in den Kreis hineinzublicken, hatte Freundlichkeit immer noch die Kraft, ihn zu überraschen.
Lewis stammt von den Woodland Cree im Norden Albertas in Kanada. Sein Grossvater lehrte ihn, dass Erfolg wenig bedeutet, wenn man sich nicht umdreht und anderen hilft, mit aufzusteigen. Seine Grossmutter lehrte ihn, dass selbst ein Garten dazu bestimmt ist, mehr zu nähren als nur denjenigen, der ihn angelegt hat. Diese Lehren begleiteten ihn, als er mit Staatsoberhäuptern zusammensass, mit Mitgliedern von Königshäusern speiste und Zeit mit dem Dalai Lama verbrachte und dabei erkannte, dass selbst ein spiritueller Gigant auf wunderbare Weise menschlich bleiben kann.
Und sie begleiteten ihn auch bei seinem ersten Besuch in Caux.
Als Lewis das Gebäude betrat, spürte er unter den polierten Böden und der europäischen Geschichte etwas unerwartet Vertrautes. Heilige Orte, das wusste er, werden nicht aus Stein geschaffen. Sie entstehen durch den Geist, den die Menschen in sie hineintragen.
Caux, so empfand er, war ein Ort, an den Menschen kamen, um zuzuhören - nicht jenes höfliche Zuhören, das nur darauf wartet, selbst an der Reihe zu sein, sondern etwas Tieferes. Die Art des Zuhörens, die indigene Völker seit Generationen pflegen: auf die leise Stimme hinter dem Lärm zu hören.
Wann immer Lewis nach seinem ersten Besuch nach Caux zurückkehrte, sass er mit Ältesten und Führungspersönlichkeiten aus allen Teilen der Welt zusammen. Ihre Lieder waren verschieden, ihre Zeremonien waren verschieden, ihre Geschichten hatten unterschiedliche Wege genommen. Doch unter all diesen Unterschieden waren die Grundwerte dieselben: der Respekt vor der Erde als etwas Lebendigem, die Überzeugung, dass Menschen in Beziehungen zueinander leben und nicht isoliert voneinander existieren, und das Wissen, dass Heilung dort beginnt, wo Menschen bereit sind zuzuhören - nicht nur einander, sondern auch der Stille in ihrem Inneren.
Dies war es, was ihn veränderte. Er begann zu verstehen, dass seine Aufgabe nicht nur darin bestand, für indigene Völker zu sprechen, sondern Räume zu schaffen, in denen Menschen einander wirklich begegnen konnten.
Beim Caux Forum 2023 führte Lewis Morgenzeremonien ein, die auf indigenem Wissen und indigener Weisheit basieren - Momente der Besinnung, die schon immer Teil der Tradition in Caux waren, nun aber mit heiligen Liedern und stillen Zusammenkünften am Feuer verbunden wurden.
Seitdem sind diese Zeremonien fester Bestandteil der Sommerkonferenzen geworden und erinnern daran, dass wir alle eine Menschheit sind. Im Sommer 2025 brachte Lewis ein originales Cree-Tipi nach Caux, wo es in den Gärten des Caux Palace schnell zu einem der Höhepunkte des Sommers wurde.
Für Lewis ist es wichtig, dass Menschen die Bedeutung von Gleichgewicht verstehen und die Beziehung zu dem, was uns umgibt und mit dem wir verbunden sind. Ebenso wichtig ist die Erkenntnis, dass jede.r von uns eine Rolle zu spielen hat.
„Manchmal trägt die leiseste Stimme ein Puzzleteil in sich, das dein Problem löst“, sagt er. „Das werden wir nicht wissen, wenn nur die lauten Stimmen gehört werden.“
Denn erst in der Stille und im Zuhören beginnt wirklicher Wandel.
Manchmal trägt die leiseste Stimme ein Puzzleteil in sich, das dein Problem löst. Das werden wir nicht wissen, wenn nur die lauten Stimmen gehört werden.
(* Das Tipi wird auch Teil des Caux-Sommers 2026 sein. Sie können am 21. Juni zu den Sonnenwendfeiern im Caux Palace kommen und beim Aufbau für den Sommer mithelfen.)
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Lewis Cardinal ist Kommunikator, Pädagoge und Geschichtenerzähler der Sucker Creek Cree First Nation im Gebiet des Treaty No. 8 im Norden von Alberta, Kanada. Seit über drei Jahrzehnten umfasst seine Arbeit lokale, nationale und globale Formen der Interessenvertretung, insbesondere in den Bereichen indigene Rechte, kulturelle Wiederbelebung, städtische indigene Selbstbestimmung, Kapazitätsentwicklung und interreligiöser Dialog. Seine Verdienste wurden unter anderem mit zwei Medaillen von Königin Elizabeth II. (Diamant- und Platinjubiläum), dem Indspire Award for Public Service (eine Auszeichnung indigener Völker Kanadas), der Centennial Medal for Human Rights and Diversity der Provinz Alberta sowie der Ehrendoktorwürde in Theologie des St. Stephen’s College der University of Alberta für seine Arbeit zum Brückenbau zwischen kulturellen und religiösen Welten gewürdigt. Im vergangenen Oktober wurde Lewis zum 11. Kanzler des St. Stephen’s College an der University of Alberta in Edmonton ernannt.
Diese Erfahrungen prägen seine Arbeit als Berater und Medienproduzent, in der er sich auf indigene Bildung, indigene Regierungsführung, strategische Kommunikation und Projektentwicklung spezialisiert hat. Vor allem aber leitet ihn sein lebenslanges Engagement für die Pflege heiliger Beziehungen zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften und Weltanschauungen.
Lewis ist Leiter des Global Indigenous Dialogue und Vorsitzender des Vorstands von Initiatives of Change Canada.





























