1953 – Mohamed Masmoudi: "Hör auf, die Franzosen zu verfluchen!"

Von Andrew Stallybrass

29/03/2021
Mohamed Masmouti

 

In den 1950er Jahren wehte auf dem afrikanischen Kontinent ein Wind des Wandels. In vielen Ländern kam es zu Unruhen mit militanten nationalistischen Bewegungen, darunter auch in den nordafrikanischen Gebieten Frankreichs, Algerien, Marokko und Tunesien. Zu Beginn des Jahrzehnts waren 10 Länder in Afrika unabhängig. Am Ende des Jahrzehnts, im Jahr 1960, waren es 26.

Im Jahr 1953 kam der junge tunesische Nationalist Mohamed Masmoudi nach Caux. Er war damals noch keine 30 Jahre alt, ranghöchster Vertreter der nationalistischen Neo-Destour-Bewegung in Frankreich und sein halbes Leben spielte sich im Untergrund ab. Um in die Schweiz zu gelangen, wurde er damals mehr oder weniger über die Grenze geschmuggelt.

Masmoudi hatte guten Grund, Frankreich und das französische Volk zu hassen. Er hatte einige Zeit im Gefängnis verbracht und während er in Caux war, hörte er, dass auch sein Bruder verhaftet worden war. Aber in Caux traf er Französinnen und Franzosen, „die anders waren“ – und er führte „ehrliche Gespräche“ mit ihnen.

Bete um Segen für mich, aber hör auf, die Franzosen zu verfluchen.

An seinem dritten Tag hielt er, inspiriert von dem, was er über die Versöhnungen zwischen Franzosen und Deutschen in Caux gehört hatte, bei der Konferenz eine Ansprache. Masmoudi sagte über sich: „Ich war argwöhnisch, misstrauisch und sehr aufsässig ... Meine Mutter schrieb mir in einem Brief, sie bete, dass Gott mich segnen und die Franzosen verfluchen möge (einige französische Polizisten hatten ihr gedroht, sie hätten vor, mich zu töten). Ich sagte ihr: ‚Bete um Segen für mich, aber hör auf, die Franzosen zu verfluchen.‘ Meiner Meinung nach ist das der Beginn der Veränderung.“ (siehe auch den mit der Schreibmaschine geschriebenen Auszug aus seiner Rede).

 

Masmoudi letter
                       

 

Durch seine Zeit in Caux verlor er seinen Hass auf das französische Volk. Er ging zurück nach Paris und lernte im dortigen Zentrum der Moralischen Aufrüstung (heute Initiativen der Veränderung) bei einem gemeinsamen Essen Jean Basdevant kennen, der damals im französischen Aussenministerium für tunesische Angelegenheiten zuständig war. Zwischen den beiden Männer entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis. Basdevant und Masmoudi wurden wichtige Mitglieder der Delegationen, die über die tunesische Unabhängigkeit verhandelten, die 1956 unterzeichnet wurde.

Wann immer die Verhandlungen in eine Sackgasse gerieten, zogen sich die beiden zu einem privaten Gespräch in den Garten des Ministeriums zurück. Ein französischer Historiker aus dieser Zeit sprach von einem „Vertrauensvertrag“ zwischen den beiden. Ein Kommentator meinte, die beiden Männer hätten es mit ihren eigenen Delegationen schwerer gehabt als miteinander. Masmoudi wurde nach der Unabhängigkeit der erste tunesische Botschafter in Frankreich.

Wann immer die Verhandlungen in eine Sackgasse gerieten, zogen sich die beiden zu einem privaten Gespräch in den Garten des Ministeriums zurück.

Als er 1956 nach der Unabhängigkeit die erste tunesische Delegation bei den Vereinten Nationen in New York leitete, erklärte Präsident Bourguiba: „Die Welt muss erfahren, was die Moralische Aufrüstung für unser Land getan hat.“

Der französische Politiker Robert Schuman schrieb an den Gründer der Moralischen Aufrüstung, Frank Buchman: „Es besteht kein Zweifel, dass die Geschichte Tunesiens und Marokkos anders verlaufen wäre, wenn es die Moralische Aufrüstung nicht gegeben hätte.“

Was Masmoudi betrifft, so versicherte er: „Ohne die Moralische Aufrüstung wären wir heute in Tunesien auf Leben und Tod in einen Krieg gegen Frankreich verwickelt ... Tunesien wäre heute ein zweites Indo-China.“

In diesen Jahren wurden in Caux Delegationen aus vielen anderen afrikanischen Ländern empfangen, die sich auf dem Weg in die Unabhängigkeit von den westlichen Kolonialmächten befanden, darunter Ghana und Nigeria, Kenia und Kamerun.

 

Mohamed Masmoudi (centre), Si Bekkai
Mohamed Masmoudi (Mitte) mit Si Bekkai (links) in Caux

 

 

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Diese Geschichte ist Teil unserer Serie "75 Jahre der Geschichten" über Einzelpersonen, die durch Caux eine neue Richtung und Inspiration für ihr Leben gefunden haben - eine Geschichte für jedes Jahr von 1946 bis 2021. Wenn Sie eine Geschichte kennen, die sich für diese Serie eignet, leiten Sie Ihre Ideen bitte per E-Mail an John Bond oder Yara Zhgeib. weiter. Wenn Sie mehr über die Anfangsjahre von Initiativen der Veränderung und das Konferenzzentrum in Caux erfahren möchten, klicken Sie bitte hier und besuchen Sie die Plattform For A New World.

 

 

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