1972: Nagia Abdelmogney Said: "Sprache des Herzens"

Von Mary Lean

01/07/2021
Nagia Abdelmogney Said

 

Im Jahr 1972 kamen drei ägyptische Studentinnen nach Caux. Ihr Besuch löste eine bemerkenswerte Reihe von Austauschen aus, an denen annähernd 50 Jahre lang mehr als 200 arabische und britische Studierende teilnahmen. 

Eine der drei, Nagia Abdelmogney Said, hatte 1968 an einem Kurs für junge Führungskräfte in Caux teilgenommen. Sie war beeindruckt von der Tiefe der Gespräche zwischen Menschen verschiedener Kulturen und Nationalitäten. „Ich spürte, dass die gemeinsame Sprache die Sprache des Herzens war", sagt sie.

 

BAX The 1973 Egyptian delegation at Caux: Mohsen Hussein is at the back in the middle next to Nagia Abdelmogney Said
Ägyptische Delegation in Caux 1973: Mohsen Hussein hintere Reihe in der Mitte mit Nagia Abdelmogney Said zu seiner Rechten

 

Als sie vier Jahre später nach Caux zurückkehrte, war ihr das "Herz schwer", da sie das Gefühl hatte, ein Fehler habe ihre akademischen Abschlussergebnisse verfälscht: „Ich hatte eine Beschwerde eingereicht, war aber mit der Antwort nicht zufrieden. Es bedeutete, dass ich das ganze Jahr wiederholen musste.“

Am Morgen nach ihrer Ankunft nahm sich Nagia mit ihrer Zimmergenossin, einer Christin aus Malta, eine Zeit der Stille: „Ich war erstaunt, dass wir beide ähnlich dachten, obwohl wir unterschiedlicher religiöser Herkunft waren. Ich hatte mich an einen Vers aus dem Heiligen Koran erinnert und sie sich an einen aus der Bibel: Beide vermittelten die gleiche Botschaft, dass 'alle Dinge für diejenigen zum Bestenn dienen, die Gott lieben‘.“

Nagia und ihre Begleiterinnen kehrten nach Kairo mit der Idee für einen brückenbildenden Austausch zwischen ägyptischen und europäischen Studierenden zurück, der auf den gemeinsamen Werten von Islam und Christentum basieren sollte. Ihre Anfrage an das Jugendministerium wurde an Mohsen Hussein weitergeleitet, der damals in Ägyptens Oberstem Rat für Jugend und Sport arbeitete. „Ihre Augen leuchteten vor Begeisterung", erinnert er sich. Er traf Vorkehrungen für den Besuch von fünf britischen Studierenden im April 1973 als Gäste der ägyptischen Regierung.

Ich war erstaunt, dass wir beide ähnlich dachten, obwohl wir unterschiedlicher religiöser Herkunft waren.

Auf britischer Seite wurde die Vision der Studentinnen von Bill Conner aufgegriffen, einem Freund von Nagias Vater, Abdel Mogney Said, dem damaligen ägyptischen Unterstaatssekretär für Arbeit. Bill hatte 1942 bei der Schlacht von El-Alamein in Ägypten einen Panzer kommandiert. „Ich erinnere mich, dass ich dachte: Wenn ich nach Hause zurückkehre, muss ich etwas finden, das sich mit den Grundursachen all dessen befasst, was in der Welt falsch läuft. Denn dieser Krieg war eindeutig keine Lösung", schrieb er später.

Bill und andere Mitarbeitende der Moralischen Aufrüstung (heute Initiativen der Veränderung) gründeten eine Wohltätigkeitsorganisation, die British-Arab University Association (später bekannt als British-Arab Exchanges - BAX), um den Austausch zu koordinieren. Ihr Ziel war es, "stabile Verbindungen des Vertrauens und des Respekts zwischen den zukünftigen Entscheidungstragenden der arabischen Länder und des Westens herzustellen".

 

BAX The first British student delegation being received by Dr Bisar, Head of Islamic Studies at Al-Azhar University, Cairo, in 1973
Die erste britische Studentendelegation wird von Dr. Bisar, dem Leiter der islamischen Studien an der Al-Azhar-Universität in Kairo, 1973 empfangen (Mary Lean ist die Vierte von rechts)

 

Ich war einer der britischen Studierenden, die 1973 Ägypten besuchten. Wir waren überwältigt von der Herzlichkeit, mit der wir empfangen wurden, besonders von Menschen, die unter der britischen Herrschaft gelitten hatten. Abdel Mogney Said war zweimal interniert worden und hiess uns dennoch wie Familienmitglieder willkommen.

Wir waren überwältigt von der Grosszügigkeit und Inklusivität unserer Gastgeber und nahmen das, was wir den "ägyptischen Geist" nannten, mit zurück an unsere Universitäten. Die Erfahrung öffnete unsere Augen für die weite Welt, und wir alle engagierten uns auf die eine oder andere Weise in den Bereichen Entwicklung, Menschenrechte oder Vertrauensbildung.

 

BAX students from Cairo University on the Nile with the first British student delegation in January 1973
Studierende der Cairo University mit der ersten britischen Studentendelegation auf dem Nil , Januar 1973

 

Im August desselben Jahres waren wir Gastgebende eines Gegenbesuchs von 15 ägyptischen Studierenden, zuerst in Caux und anschliessend in Grossbritannien. Sie stammten aus fünf Universitäten und waren als "Musterstudierende" ausgewählt worden. Begleitet wurden sie von Mohsen Hussein und seiner Frau Lamia, die Palästinenserin war, sowie von Nagia. Weitere Austausche mit Ägypten folgten bis 1979.

BAX förderte anschliessend etwa 40 Austauschbesuche mit dem Sudan, Jordanien, dem Libanon und den besetzten palästinensischen Gebieten. In den Jahren vor seiner Auflösung im Jahr 2019 arbeitete BAX eng mit dem British Council bei der Organisation von Jugendprojekten zusammen. Dazu gehörten beispielsweise der Empfang panarabischer Gruppen aus der Levante und Nordafrika sowie eine Reihe von Leadership-Trainingsprogrammen per Live-Videokonferenz zwischen London und Gaza.

Zahlreiche Alumni haben seitdem in ihren Ländern und in Caux an Konferenzen von Initiativen der Veränderung teilgenommen.

 

BAX British students in discussion with members of the Alexandria Students Union, January 1976
Britische Studierende im Gespräch mit Mitgliedern der Alexandria Students Union, 1976

 

„Unsere Interaktionen hatten einen unauslöschlichen Einfluss auf unser die Entwicklung unseres Bewusstseins", schrieb die Ägypterin Samia Kholoussi in einer Broschüre, die zum 30-jährigen Jubiläum von BAX veröffentlicht wurde. Sie hatte ihren Ehemann Aly Elesaby bei der Delegation 1975 kennengelernt und war nun Universitätsdozentin in den USA. „Die Begegnung mit der westlichen Kultur durch die Werte und die moralischen Grundlagen der Moralischen Aufrüstung vermittelte uns eine positive Sicht auf den Westen. Damals wie heute entwirft die Moralischen Aufrüstung eine Vision, die über kulturelle Gräben und negative Stereotypen monolithischer Kategorien hinweg denkt.“

Damals wie heute entwirft [es] eine Vision, die über kulturelle Gräben und negative Stereotypen monolithischer Kategorien hinweg denkt.

 

Creators of Peace facilitators group with Nagia Said
Nagia (hintere Reihe mit erhobener Hand) mit anderen Teilnehmerinnen eines Creators of Peace-Trainingskurses in Kairo 2014

 

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Diese Geschichte ist Teil unserer Serie "75 Jahre der Geschichten" über Menschen, die durch Caux eine neue Richtung und Inspiration für ihr Leben gefunden haben - eine Geschichte für jedes Jahr von 1946 bis 2021. Wenn Sie eine Geschichte kennen, die sich für diese Serie eignet, leiten Sie Ihre Ideen bitte per E-Mail an John Bond oder Yara Zhgeib. weiter. Wenn Sie mehr über die Anfangsjahre von Initiativen der Veränderung und das Konferenzzentrum in Caux erfahren möchten, klicken Sie bitte hier und besuchen Sie die Plattform For A New World.

 

  • Teaserfoto und Bill Conner: Initiativen der Veränderung
  • Foto Creators of Peace: https://www.iofc.org/cop-circles-egypt
  • Alle anderen Fotos: BAX
  • An alternative vision: 30 years of British-Arab Exchanges, Samia Kholoussi
  • Foto oben: Der ehemalige britische Premierminister Lord Home trifft Studierende aus Ägypten, Jordanien und dem Sudan in seinem Haus, August 1978 (BAX)
  • Korrekturlesung: Sebastian Hasse

 

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