1988: Joe Hakim und Marie Chaftari: "Ich bin kein Opfer”

Von Mary Lean

10/09/2021
1988 square.

 

Der Sommer 1988 in Caux begann mit einem Mittelmeerdialog, an dem Menschen aus der ganzen Region teilnahmen, gefolgt von einem 10-tägigen Trainingskurs für junge Leute. Eine der grössten Gruppen, die an diesen Veranstaltungen teilnahm, kam aus den christlichen und muslimischen Gemeinschaften des Libanon, die sich seit 1975 im Bürgerkrieg befanden. 

Schon die Anreise zum Flughafen, um in die Schweiz zu fliegen, war mit Gefahren verbunden. “Ich musste mehrere Kontrollpunkte passieren, und einige von ihnen gehörten unseren so genannten 'Feinden'", erinnert sich Joe Hakim, der damals 22 Jahre alt war. “Das war für mich nicht ungefährlich. Aber ich war überzeugt, dass ich dorthin musste, weil Initiativen der Veränderung (IofC) begonnen hatten, mein Leben zu verändern.

 

Joe Hakim (dritter von links) mit libanesischen Studierenden und Ramez Salamé (links) in Caux

 

Für Joe war es die erste Reise ausserhalb des Libanons.  Teilnehmende aus vielen Ländern wurden Teil seines Freundeskreises. “Wenn man aus einer Kriegssituation kommt, hat man das Gefühl, man sei der Mittelpunkt der Welt. Aber ich fing an, die Dinge anders zu sehen. Der Libanon und ich standen nicht mehr im Zentrum. Mir wurde klar, dass ich mich nicht selbst zu bemitleiden brauchte. Ich bin kein Opfer. Vielmehr trage ich selbst Verantwortung.”

Mir wurde klar, dass ich mich nicht selbst zu bemitleiden brauchte. Ich bin kein Opfer. Vielmehr trage ich selbst Verantwortung.

In Caux lernte Joe einen muslimischen Libanesen, Munir Al Khatib, kennen. “Als wir nach Hause kamen, begannen wir mit unserm Freundeskreis Brücken zu bauen. Das war auf vielen Ebenen riskant. Wir brachten Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und aus verschiedenen Gemeinschaften zusammen, um die andere Person zu entdecken, die irgendwann einmal der Feind gewesen war.” 

 

Joe Hakim 1988 Caux Joe in red pullover
Joe (links) in Caux, 1988

 

Für Marie Chaftari fiel der Besuch in Caux in eine dunkle Zeit ihres Lebens. Zehn Jahre lang war sie Kommunikationsbeauftragte der christlichen Miliz gewesen und ihr Mann Assaad hatte als stellvertretender Leiter der Geheimdiensteinheit gewirkt. Dann wurden sie 1985 durch eine Spaltung der christlichen Miliz gezwungen, Beirut mit ihrem kleinen Sohn zu verlassen. “Über Nacht galten wir nicht mehr als Helden, sondern als Verräter,” sagt sie. Sie verloren ihre Wohnung und lebten unter Fremden, in ständiger Angst ermordet zu werden.

1988 wurde Marie von einem Priester gefragt, wann sie das letzte Mal zur Beichte gegangen sei. “Was habe ich denn zu beichten?" erwiderte sie schnippisch. “Ich bin das Opfer,” und sie erzählte ihm, wie viel sie für die Sache der Christen im Libanon geopfert hatte. Er entgegnete: "Und wie steht es mit der Liebe? Die einzig wichtige 'Sache' ist die Liebe." “Da hat sich etwas in mir verändert, und ich fing an zu weinen.”

Diese Begegnung führte dazu, dass Marie mit ihrem dreijährigen Sohn im Sommer nach Caux kam. “Dort habe ich zu mir selbst zurückgefunden," sagt sie. “Ich fragte mich: Wie kann ich Christin sein und hassen? Ich begann, meine Einstellung zu überdenken.”

Zurück im Libanon wirkte sich die Veränderung von Marie auch auf ihren Mann Assaad aus. Er ging zu einem IofC-Treffen mit einer unter seinem Gürtel versteckten Waffe und zwei Leibwächtern, die draussen warteten. Das Treffen war eine Herausforderung für ihn, auf sein Leben zurückzublicken. “Alles, was ich sah, war ein Weg voller Blut.”

 

Assaad Chaftari Fighters of Peace
Assaad Chaftari im Gespräch mit jungen Menschen bei einer Veranstaltung von Fighters for Peace

Zwei Jahre später nahm Assaad an seinem ersten Dialog mit Musliminnen und Muslimen teil. Bei seiner Ankunft war er mit einer Liste von Anklagen bewaffnet - und stellte mit Verblüffung fest, dass ein Muslim eine noch längere Liste mitgebracht hatte. “Bei diesen Treffen habe ich viele Dinge entdeckt. Ich erfuhr, dass die Musliminnen und Muslime echte Namen trugen, dass sie Familien, Träume und Erwartungen hatten und dass wir uns, auch wenn wir nicht dieselbe politische Meinung vertraten, zumindest gegenseitig respektieren konnten.”

Ich erfuhr, dass die Musliminnen und Muslime echte Namen trugen, dass sie Familien, Träume und Erwartungen hatten und dass wir uns, auch wenn wir nicht dieselbe politische Meinung vertraten, zumindest gegenseitig respektieren konnten.

Im Jahr 2000 schrieb Assaad in den libanesischen Medien einen offenen Brief, in dem er sich für seine Rolle bei den Gräueltaten während des Bürgerkriegs entschuldigte. Die New York Times bezeichnete ihn als den einzigen Hauptbeteiligten des libanesischen Bürgerkriegs, der sich "wirklich entschuldigt" habe. Er und andere ehemalige Kämpfer, sowohl aus dem muslimischen als auch christlichen Lager, gründeten die Organisation Fighters for Peace (Kämpfer für den Frieden), die junge Menschen davon überzeugen will, dass Krieg nicht der richtige Weg ist.

 

Image
Marie Chaftari (centre) with women from Linaltaki (and a visitor)
Marie (Mitte) und Lina Hamade (zweite von links) mit Frauen aus Linaltaki und Mary Lean (zweite von rechts)

 

Vor 1988 war für Marie "anders" ein anderes Wort für "Musliminnen und Muslime". Jetzt ist die schiitische Muslimin Lina Hamade eine ihrer besten Freundinnen. Gemeinsam gründeten sie Linaltaki ("Lass uns zusammenkommen"), eine Organisation, die Frauen zusammenbringt und Sommerlager für Kinder aus verschiedenen Gemeinschaften veranstaltet. 

Auch Joe Hakim hat sein Leben dem Brückenbau gewidmet. Heute ist er Betriebsleiter eines grossen Unternehmens, das sich mit intellektuellem Eigentum befasst, und er sagt, dass er durch seine freiwillige Mitarbeit im Speisesaal von Caux gelernt habe, was dienendes Leadership bedeute.

 

Joe Hakim addressing students in Lebanon in 2019
Joe spricht zu Studierenden im Libanon, 2019

 

“Ich habe gelernt zu unterstützen, zu helfen, zu dienen, zuzuhören, zu verstehen und wertzuschätzen, und habe entdeckt, wie man mit Menschen unterschiedlicher Herkunft, aus verschiedenen Gemeinschaften,  Altersgruppen und Generationen und mit anderen Meinungen zusammenarbeitet.” Er fühlt sich besonders dazu beauftragt, jungen Menschen zu helfen, ihren Lebenssinn zu finden. “Ich biete meine Freundschaft, meine Kameradschaft an - und das hilft gleichzeitig auch mir.”

In den dunklen Tagen, die der Libanon heute erneut durchmacht, entfachen Flammen wie diese, die in Caux im Laufe der Jahre entzündet wurden, Funken der Wärme, der Hoffnung und des Lichts. 

Ich habe gelernt zu unterstützen, zu helfen, zu dienen, zuzuhören, zu verstehen und wertzuschätzen. Ich biete meine Freundschaft, meine Kameradschaft an - und das hilft gleichzeitig auch mir.

 

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Diese Geschichte ist Teil unserer Serie "75 Jahre der Geschichten" über Menschen, die durch Caux eine neue Richtung und Inspiration für ihr Leben gefunden haben - eine Geschichte für jedes Jahr von 1946 bis 2021. Wenn Sie eine Geschichte kennen, die sich für diese Serie eignet, leiten Sie Ihre Ideen bitte per E-Mail an John Bond oder Yara Zhgeib. weiter. Wenn Sie mehr über die Anfangsjahre von Initiativen der Veränderung und das Konferenzzentrum in Caux erfahren möchten, klicken Sie bitte hier und besuchen Sie die Plattform For A New World.

 

  • Fotos Marie, Linaltaki, Kämpfer für den Frieden: John Bond (Foto oben: Marie Chaftari (rechts) mit Iman Al Ghafari aus Syrien und Lina Hamade).
  • Alle anderen Fotos: Joe Hakim
  • Korrekturlesung: Maya Fiaux

 

 

 

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