1954 - Saidie Patterson: "Das Kriegsbeil oder die Toten begraben"

Von Andrew Stallybrass

07/04/2021
Saidie Patterson

 

Als die nordirische Gewerkschaftlerin Saidie Patterson 1954 im Konferenzzentrum in Caux eine Ansprache hielt, war es ihr wichtig zu betonen, dass die Moralische Aufrüstung (heute Initiativen der Veränderung) ihren Kampfgeist nicht geschwächt hatte. "Ich dachte, das sei etwas, das einen weich macht, und ich habe lange, lange dagegen angekämpft. Aber glaubt mir, Freunde, ich habe festgestellt, dass es viel schwieriger ist, einen Menschen zu lieben, als ihn zu hassen."

Saidie musste im Alter von 14 Jahren ihre Familie ernähren und kümmerte sich um ihre sieben Geschwister und ihren kranken Stiefvater, nachdem ihre Mutter bei der Geburt gestorben war, weil sie den Arzt nicht bezahlen konnten. Sie arbeitete in einer Leinenfabrik und führte 1940 einen Streik an, bei dem sie die volle Gewerkschaftsmitgliedschaft für die weiblichen Angestellten forderte. Zwei Jahre nach ihrer Rede in Caux wurde sie die erste Frau, die den Vorsitz der nordirischen Labour Party übernahm.

Ich habe festgestellt, dass es viel schwieriger ist, einen Menschen zu lieben, als ihn zu hassen.

Sie erzählte ihrem Publikum in Caux, dass sie durch die Gewerkschaft und die Arbeiterbewegung direkten Kontakt zu etwa 90.000 Frauen hatte. Dann beschrieb sie eine Erfahrung, die sie gerade erst bei der Konferenz gemacht hatte.  "Eine Person sagte neulich etwas zu mir, was ich ihr sehr übelnahm. Sie wissen ja, wie die Briten manchmal die Angewohnheit haben, das Richtige zu sagen, aber im falschen Moment! Er hatte Glück, dass er nicht eine Ohrfeige bekam!' Nach einer Zeit in der Stille entschuldigte sie sich für ihre Reaktion. Sie wusste, dass sie nach ihrer Abreise aus Caux Leute aus dem britischen Kabinett treffen würde. "Wenn ich hier nicht sagen konnte, dass es mir leid tat, würde ich auch nicht zurückgehen und diesen Leuten Lösungen unterbreiten können."

Bei einer anderen Gelegenheit ertappte sie sich dabei, wie sie sich beim Tee im Konferenzzentrum über das Verhalten der Amerikaner in Nordirland während des Krieges ausliess. "Ich kritisierte wieder die Amerikaner und entdeckte, dass die vier Damen, mit denen ich Tee trank, alle Amerikanerinnen waren! Dann fingen sie an, mir zu erzählen, dass alle ihre Grosseltern aus Irland stammten. Sie wurden also einfach aus Irland exportiert! Diese Lektion habe ich nie vergessen."

 

Saidie Patterson plants a memorial Peace Cross for her great-nephewin Belfast in 1979. Photograph from the Bleakley Collection.
Saidie Patterson stellt ein Friedensgedenkkreuz für ihren
Grossneffen auf, Belfast 1979 (Foto: Bleakley Collection)

 

Kurz zuvor hatte Saidie auf einer Konferenz der Labour Party gesprochen, wo sie schockiert über den Hass war, der gegenüber Deutschland und den Deutschen zum Ausdruck gebracht wurde. Sie hatte darüber gesprochen, wie sie 1950 eingeladen worden war, mit der Moralischen Aufrüstung nach Deutschland zu fahren. "Ich wollte nicht gehen. Mein eigenes Haus war zerstört worden. Ein Neffe war an seinem 21. Geburtstag getötet worden, und ich hegte einen starken Groll, aber meine Freunde sagten, dass man mit Groll kein neues Deutschland aufbauen könne. Als ich in Deutschland war, traf ich viele Frauen in ähnlichen Positionen wie ich. Eine war wegen ihrer gewerkschaftlichen Überzeugungen in einem Konzentrationslager gewesen und ihre beiden Söhne waren von den Briten getötet worden. Ich erzählte diese Geschichte auf der Konferenz und sagte ihnen: 'Ihr braucht mehr als eine Waffe in der Hand. Ihr braucht eine Idee.'"

Wenn ich hier nicht sagen konnte, dass es mir leid tat, würde ich auch nicht zurückgehen und diesen Leuten Lösungen unterbreiten können.

Nachdem sie sich 1973 aus der Gewerkschaftsarbeit zurückgezogen hatte, wurde Saidie Vorsitzende von Women Together und arbeitete daran, die Spaltung zwischen Protestanten und Katholiken in ihrem Land zu überwinden. "So etwas wie 'orangene' oder 'grüne' Tränen (die Farben der beiden Glaubensgemeinschaften) gibt es nicht. Wir weinen alle gemeinsam", sagte sie. "Wir müssen uns entscheiden, was uns lieber ist: das Kriegsbeil oder die Toten zu begraben."

Im Jahr vor ihrer Rede in Caux war Saidie von Queen Elizabeth für ihre Arbeit ausgezeichnet worden. Die Königin hatte sie gefragt, wie die Dinge für die Frauen stünden. Saidie antwortete: "Nun, Ma'am, früher waren unsere Frauen nur ein paar Hände. Jetzt, Ma'am, sind sie königliche Seelen wie Sie selbst!"

 

Lesen Sie den BBC News-Artikel über die Verleihung einer offiziellen Gedenktafel für Sadie 2018 und sehen Sie das Video von Belfast Live über die Verleihung.

 

 

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Diese Geschichte ist Teil unserer Serie "75 Jahre der Geschichten" über Einzelpersonen, die durch Caux eine neue Richtung und Inspiration für ihr Leben gefunden haben - eine Geschichte für jedes Jahr von 1946 bis 2021. Wenn Sie eine Geschichte kennen, die sich für diese Serie eignet, leiten Sie Ihre Ideen bitte per E-Mail an John Bond oder Yara Zhgeib. weiter. Wenn Sie mehr über die Anfangsjahre von Initiativen der Veränderung und das Konferenzzentrum in Caux erfahren möchten, klicken Sie bitte hier und besuchen Sie die Plattform For A New World.

 

 

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