1950 - Yukika Sohma: "Japan kann zu neuem Leben erwachen"

Von Mary Lean

06/02/2021
Yukaki Shoma young

 

Yukaki Shoma young

Als die vierundsechzig Japanerinnen und Japaner 1950 in Caux ankamen, wurden sie von einem auf Japanisch singenden Chor begrüsst und die japanische Fahne wehte vor dem Konferenzzentrum von Initiativen der Veränderung. Es war ein bewegender Moment, denn in Japan, das damals nach wie vor von den Amerikanern besetzt war, war das Zeigen der Flagge noch verboten. 

Zu der Delegation gehörten sieben Präfekturgouverneure, eine Reihe von Mitgliedern des Parlaments und die Bürgermeister von vier Städten, darunter Hiroshima und Nagasaki. Eine der 10 Frauen in der Delegation war Yukika Sohma.

Yukika war die Tochter von Yukio Ozaki, der als Vater der japanischen parlamentarischen Demokratie verehrt wird. Er sass 63 Jahre lang im Parlament und wurde während des Zweiten Weltkriegs auf Grund seiner Opposition gegen den Krieg inhaftiert. Yukika erlebte die Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg "wie unter ständiger Erstickungsgefahr", da Gesetze erlassen wurden, um liberales Denken zu unterdrücken. Die Ideen von Initiativen der Veränderung (damals als Moralische Aufrüstung bekannt), denen sie zu dieser Zeit begegnete, bedeuteten  "eine frische Brise von oben angesichts dicker Mauern rundherum".

Yukika wirkte als Dolmetscherin für die Delegation, als diese weiter nach Italien, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und in die USA reiste. Wo auch immer sie hinkamen, überreichte der Bürgermeister von Hiroshima, Shinzo Hamai, den Gastgebenden ein Geschenk seiner Stadt: ein kleines Kreuz, geschnitzt aus dem Stamm eines uralten Kampferbaums, der bei der Gründung der Stadt im Jahr 1588 gepflanzt worden war. Das Äussere des Baumes war durch die Atomexplosion zerstört worden, aber sein Kern hatte überlebt.

Japanes in Caux 1950
Die Bürgermeister von Hiroshima
und Nagasaki in Caux

Am fünften Jahrestag des Bombenabwurfs auf Hiroshima befand sich die Delegation in Kalifornien. Sie wurde eingeladen, bei Radio CBS zu sprechen. Yukika beschrieb ihre Begegnungen bei Initiativen der Veränderung in Caux als eine "Konferenz der Antworten, der Ergebnisse, die nur noch vervielfacht werden müssen, um ein wirksames Heilmittel für die Probleme der Welt zu schaffen". In einer "Völkerfamilie, in der Rassen-, Klassen- und Standesunterschiede überwunden wurden...sahen und erlebten wir eine Versöhnung der Herzen.... Wir sahen, dass Japan mit dieser Einstellung zu neuen Leben erwachen konnte."

Auch Shinzo Hamai kam in der Sendung zu Wort und beschrieb den "Alptraum", der seiner Stadt widerfahren war. Er zitierte die Worte, die er in Caux gehört hatte: "Wenn sich Menschen verändern, entsteht Frieden", und er erklärte: "Ich beabsichtige meinerseits, mich von Hiroshima aus hierfür einzusetzen. Unseren Bürgerinnen und Bürgern, die überlebt haben, bleibt einzig der Traum und die Hoffnung, die Stadt zu einem Vorbild des Friedens zu machen."

Wir sahen und erlebten eine Versöhnung der Herzen.... Wir sahen, dass Japan mit dieser Einstellung zu neuen Leben erwachen konnte.

Damals gab es Diskussionen über die Inschrift auf dem Hiroshima-Denkmal, wobei manche der festen Überzeugung waren, die  Vereinigten Staaten sollten darin verurteilen werden. Nach seiner Rückkehr setzte sich Hamai für eine alternative Formulierung ein, die sich schliesslich durchsetzte: "Lasst alle Seelen hier in Frieden ruhen, denn wir werden das Böse nicht wiederholen.”

Yukika Sohma widmete den Rest ihres Lebens der Aufgabe, Japan zum Wiederaufbau seines Beziehungen zu seinen Nachbarländern zu ermutigen. Im Jahr 1978 rief sie alle Japanerinnen und Japaner auf, einen Yen zu spenden, um Flüchtlingen in Südostasien zu helfen. Innerhalb von drei Monaten konnte sie dadurch 120 Millionen Yen gesammelt. Aus der von ihr gegründeten Organisation wurde später die "Association for Aid and Relief", die humanitäre Hilfe leistet und die Räumung von Landminen unterstützt. Yukika blieb bis zu ihrem Tod im Jahr 2008 Präsidentin des Vereins.

Lesen Sie ausserdem in englischer Sprache Yukakis Artikel "Apology is a key to the future'

 

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Sehen Sie hier das Video aus unserem Filmarchiv über die Reise der japanischen Delegation 1950.

 

 

Sehen Sie hier den Film von ABC Australia mit dem Journalisten Chris Mayor über sein Interview mit den Bürgermeistern von Hiroshima und Nagasaki anlässlich ihres Besuches in Caux 1950. Mehr zu Chris Mayor und seinem Interview finden Sie ausserdem hier.

 

 

 

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Diese Geschichte ist Teil unserer Serie "75 Jahre der Geschichten" über Einzelpersonen, die durch Caux eine neue Richtung und Inspiration für ihr Leben gefunden haben - eine Geschichte für jedes Jahr von 1946 bis 2021. Wenn Sie eine Geschichte kennen, die sich für diese Serie eignet, leiten Sie Ihre Ideen bitte per E-Mail an John Bond oder Yara Zhgeib. weiter. Wenn Sie mehr über die Anfangsjahre von Initiativen der Veränderung und das Konferenzzentrum in Caux erfahren möchten, klicken Sie bitte hier und besuchen Sie die Plattform For A New World.

 

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