1993: Somalia - „Wenn in Galkayo Frieden möglich ist, ist er überall möglich”

Von John Bond

27/09/2021
Ahmed Egal and Hassan Mohamud in Stockholm

 

Unter den Somaliern, die 1993 Caux besuchten, waren Hassan Mohamud und Ahmed Egal. Beide stammten aus Galkayo, einer der gewalttätigsten Städte Somalias.

Ahmed Egal
Ahmed Egal
Hassan Mohamud
Hassan Mohamud

Seit Jahrzehnten befinden sich die beiden Clans, die Galkayo beherrschen - die Hawiye und die Darood - im Krieg. Der letzte Ausbruch des Konflikts, bei dem über 40 Menschen starben und Hunderte verletzt wurden, geschah im Jahr 2016. Seitdem ist es in Galkayo jedoch zu keinen Zusammenstössen mehr gekommen. “Die Beziehungen und die gute Nachbarschaft haben sich deutlich verbessert,” berichtete die Puntland Post im Juni dieses Jahres. Dies ist zum Teil dank der Arbeit von Somalierinnen und Somaliern , die durch Caux inspiriert wurden.  

Hassan Mohamud gehört zum Clan der Hawiye, Ahmed Egal zu den Darood. Beide waren gegen das Regime des Diktators Siad Barre, der Somalia von 1969 bis 1991 regierte. Sie wurden zur Flucht gezwungen und fanden beide in Schweden Asyl. Dort begegnete Egal Initiativen der Veränderung (IofC). Seine veränderte Haltung beeindruckte Mohamud so sehr, dass er Egal anrief und um ein Treffen bat, obwohl er ein Feind seines Clans war. Nach langen Gesprächen beschlossen sie, gemeinsam an der Versöhnung von Galkayo zu arbeiten.

In Caux erstellten sie 1993 zusammen mit anderen Somalierinnen und Somaliern eine Liste potenzieller Friedensstifter aus verschiedenen Clans, die Caux erleben sollten. Unter ihnen war Yusuf Al-Azhari, ebenfalls aus Galkayo. 

 

Somalia
Afrikanische Friedensschaffende in Caux im Jahr 2000: (von links nach rechts) Fesseha Fre, Eritrea; Mammo Wudneh, Äthiopien; Hassan Mohamud (vorne); Bethuel Kiplagat, Kenia; Abdulrahman El Khatib, Ägypten; Yusuf Al-Azhari; Ahmed Egal

 

In den 1960er Jahren hatte Al-Azhari die Tochter des somalischen Premierministers geheiratet und wurde mit hohen Posten im öffentlichen Dienst und in der Diplomatie bedacht. Dann kam der Putsch, der Siad Barre an die Macht brachte. Al-Azhari wurde inhaftiert und bis zum Wahnsinn gefoltert: “Ich war voller Wut und Hass und litt unter Depressionen. Ich war völlig ausgetrocknet, nur noch Haut und Knochen. Ich hatte die Hälfte meines Gewichts verloren.

Eines Nachts kniete ich tränenüberströmt nieder und flehte den allmächtigen Schöpfer an, mir Frieden und eine Vision zu schenken, die mich leiten konnten. In dieser Nacht hatte ich in meiner Zelle eine Erleuchtung. Als ich endlich aufstand, waren bereits acht Stunden vergangen. Meine innere Stimme sagte mir, dass ich gefehlt hatte: 'Sei ehrlich zu dir selbst und zu den Mitmenschen um dich herum, und du wirst der glücklichste Mensch auf Erden sein.' Von diesem Tag an war ich von Angst und Verzweiflung befreit. Liebe war in mein Herz gepflanzt worden. Der Hass verflüchtigte sich. Ich erkannte, dass ich für meine vergangenen Taten verantwortlich war. Ich gelobte, meinen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, ob arm oder reich, zu dienen.

Sei ehrlich zu dir selbst und zu den Mitmenschen um dich herum, und du wirst der glücklichste Mensch auf Erden sein.

Zu dieser Zeit versank Somalia in Chaos und Armut, und nach sechs Jahren wurden Al-Azhari und seine Mitgefangenen freigelassen. Seiner Frau hatte man gesagt, er sei gestorben, und sie fiel in Ohnmacht, als er, abgemagert und mit einem Bart, der bis zu den Knien reichte, nach Hause kam.

Das Gelübde, seinen Mitbürgerinnen und Mitbürgern zu dienen, versuchte er in den folgenden Jahren zu erfüllen. Als ihn Egals Einladung erreichte, reagierte er sofort. Doch schliesslich trafen sie sich und Al-Azhari nahm die Einladung nach Caux an. In ihm wuchs die Überzeugung, dass Somalia “eine massive Revolution an der Basis braucht, bei der die moralische Erneuerung ein Mittel ist, um die Politik zu reformieren und die Clans zu ermutigen, in Frieden zusammenzuleben.” In den folgenden Jahren brachten er und seine Kolleginnen und Kollegen andere somalische Führungspersönlichkeiten nach Caux, und ihr Netzwerk wuchs.

 

Somali president Abdullahi Yusuf Ahmed (left, Ali Abdullah Saleh (president Republic of Yemen, right). Yusuf Al-Azhari centre (advisor to Somali president 2004-2008)
Yusuf Al-Azhari war von 2004-2008 Berater des Präsidenten von Somalia, Abdullahi Yusuf Ahmed. Hier ist er mit dem somalischen Präsidenten (links) und Ali Abdullah Saleh, Präsident der Republik Jemen (rechts), zu sehen.

 

Im Jahr 2001 schloss sich Mohamud Al-Azhari in Galkayo an, und Egal folgte bald darauf. In den folgenden Jahren veranstalteten sie zusammen mit ihrem wachsenden Team Foren und Workshops über die Qualitäten eines Friedensstifters sowie Ausbildungskurse, die sowohl Männern als auch Frauen halfen eine Stelle zu finden. Sie baten die somalische Diaspora um Unterstützung und bauten 22 neue Schulen.

Der Konflikt in Galkayo ging weiter und auch die Bemühungen der Friedensschaffenden wurden weitergeführt. Nach dem Ausbruch der Streitigkeiten von 2016 wurde ein Waffenstillstand ausgehandelt, der bis heute andauert. Seitdem sind internationale Organisationen besser in der Lage, Entwicklungshilfe zu leisten, und Arbeitsplätze zu schaffen. 

Heute können sich die Menschen in der Stadt frei bewegen, und die Zahl der Eheschliessungen zwischen den Clans steigt. Jetzt entwickeln Mohamud und Egal Friedensprogramme für die Grundschulen von Galkayo.

 

Egal and Mohamud visiting 5 cities in Somalia, Galkayo 2019
Im Jahr 2019 brachten Egal und Mohamud ihre Erfahrungen mit Vergebung und Transformation in fünf somalische Städte. Hier ist ein Treffen in Galkayo.

 

Die Gewalt ist nicht die einzige Herausforderung in dieser trockenen Region. Im Jahr 2017 rettete Al-Azhari eine Gruppe von über 140 kleinen Kindern vor Dürre und Hunger und brachte sie nach Galkayo. Zum Zeitpunkt seines Todes im Alter von 80 Jahren hatte er sich noch um 91 dieser Kinder gekümmert. Mohamud hat dafür gesorgt, dass einer seiner Stammesangehörigen die Betreuung dieser Kinder fortsetzt.

Bei einem Besuch in Galkayo im Jahr 2018 sagte der Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretärs für Somalia, Michael Keating: “Wenn in Galkayo Frieden möglich ist, ist er überall in Somalia möglich.” Das ist das Ziel der somalischen Friedensschaffenden, die von Caux inspiriert wurden.

Ich erkannte, dass ich für meine vergangenen Taten verantwortlich war. Ich gelobte, meinen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, ob arm oder reich, zu dienen.

 

 

Egal, Mohamud with Khadija Mohamed, Somali Minister of Youth and Sports, during their campaign 2019
Egal und Mohamud mit Khadija Mohamed, somalische Ministerin für Jugend und Sport, während ihrer Kampagne 2019

 

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Diese Geschichte ist Teil unserer Serie "75 Jahre der Geschichten" über Einzelpersonen, die durch Caux eine neue Richtung und Inspiration für ihr Leben gefunden haben - eine Geschichte für jedes Jahr von 1946 bis 2021. Wenn Sie eine Geschichte kennen, die sich für diese Serie eignet, leiten Sie Ihre Ideen bitte per E-Mail an John Bond oder Yara Zhgeib. weiter. Wenn Sie mehr über die Anfangsjahre von Initiativen der Veränderung und das Konferenzzentrum in Caux erfahren möchten, klicken Sie bitte hier und besuchen Sie die Plattform For A New World.

 

  • Foto oben und Teaser: Lul Kulmiya
  • Foto mit Khadija Mohamed: Bashir Mohamed
  • Alle anderen Fotos: Fotografen nicht bekannt
  • Korrekturlesung: Maya Fiaux

 

 

 

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