Marias Kampf gegen Selbstmorde in Manizales

Von Elodie Malbois

18/02/2021
Maria del Pilar, credit: Maria del Pilar

 

Maria del Pilar Aristizabal

Maria del Pilar war eines der "menschlichen Bücher" der letztjährigen Online-Konferenz Creative Leadership, die Juli 2020 stattfand. Sie ist Absolventin des Caux Peace and Leadership-Programms, nahm an der Mandela Mile 2020 teil und sprach mit Elodie Malbois über ihre Leidenschaft für Leadership sowie ihren Kampf gegen Selbstmord in ihrer Heimatstadt Manizales (Kolumbien).

Vor zwei Jahren ging Maria del Pilar mit ihrer Freundin Laura, der "lustigsten Person", die sie kannte, tanzen. Zwei Wochen später beging Laura Selbstmord. Maria konnte nicht verstehen, warum eine so junge und lebhafte Person ihr Leben beenden wollte. Sie war entsetzt, als Freundinnen und Freunde, die sie in ihrer Trauer unterstützten, ihr anvertrauten, dass sie selbst einen Selbstmordversuch unternommen oder sich sogar in diesem Moment mit Selbstmordgedanken quälten. Das plötzliche Bewusstsein über die Häufigkeit von Selbstmord unter jungen Menschen in ihrer Stadt war wie eine kalte Dusche. Sie entdeckte, dass Manizales die höchste Selbstmordrate in Kolumbien hatte, aber nichts unternommen wurde, um diese vorzeitigen Todesfälle zu verhindern.

Viele in ihrer Lage hätten vielleicht das Gefühl gehabt, nichts dagegen tun zu können, um Selbstmord bei jungen Menschen zu verhindern. Nicht so Maria. Bei einem Workshop, den sie nach Lauras Tod besuchte, wurde sie aufgefordert, darüber nachzudenken, was sie mit 50 Jahren bereuen würde, nicht getan zu haben. "Ich fing an zu weinen", sagt sie. "Es war mir absolut klar, was ich tun musste. Ich wollte ein Unternehmen gründen, um junge Menschen in meiner Stadt zu unterstützen, die Selbstmord begehen könnten. Ich kannte mich mit Leadership aus, hatte aber keine Ahnung von psychischer Gesundheit. Aber ich wusste, dass es jungen Menschen helfen würde, wenn wir sie mit Führungsinstrumenten unterstützen würden."

Sie beschloss, etwas zu tun und zog Bilanz über ihre persönlichen Fähigkeiten: zehn Jahre ehrenamtliche Arbeit mit jungen Menschen und unzählige Leadership-Workshops, die sie besucht hatte. Die Führungsmethoden, die sie dabei erlernt hatte, hatten nicht nur auf ihr eigenes Leben starken Einfluss, sondern auch auf das Leben der jungen Menschen in der Erziehungsanstalt, in der sie ehrenamtlich tätig war.

"Mit den richtigen Tools fangen junge Menschen an, ihr Leben zu verändern, und sie entwickeln sich positiv, unabhängig von ihren Lebensumständen", sagt sie. Sie stellte einen Workshop zusammen, den sie an einer High School in Manizales abhielt und stellte fest, dass die Schülerinnen und Schüler mit ihr über ihr Leben und ihre Gefühle sprachen. "Sie konnten sich mit mir identifizieren, weil ich eine junge Frau bin. Wenn man als Teenager jemanden hat, mit dem man jede Woche sprechen kann und der einen unterstützt und einem hilft, die eigenen Stärken zu entdecken und zu stärken, dann kann jeder und jede sich weiterentwickeln."

Sie konnten sich mit mir identifizieren, weil ich eine junge Frau bin. Wenn man als Teenager jemanden hat, mit dem man jede Woche sprechen kann und der einen unterstützt und einem hilft, die eigenen Stärken zu entdecken und zu stärken, dann kann jeder und jede sich weiterentwickeln.

Sie nannte ihren Workshop Life Academy. Die amerikanische Columbia University bezeichnete ihn als Sozialinitiative mit grosser Wirkung in der Welt und gab ihr die Möglichkeit, nach New York zu gehen und zu lernen, ihre Prozesse, Methodik und Evaluation zu verbessern. Als sie nach Hause kam, formalisierte sie ihren Workshop-Plan und beantragte beim Bildungsministerium die Genehmigung, innerhalb eines Semesters 12 Workshops an der Schule mit der höchsten Selbstmordrate durchzuführen. Am Ende des Semesters stellte sie fest, dass die Workshops die Selbstmordtendenz um 91 Prozent reduziert hatten.

Begeistert von diesem Erfolg, begann sie, ihre Initiative auszuweiten. Inzwischen hat sie ein Team von 10 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie ist die einzige, die fest angestellt ist. Sie plant, ein vollständig nachhaltiges soziales Unternehmen zu werden, das allen 35.000 Schülerinnen und Schülern in ihrer Stadt Workshops zu Führungsqualitäten anbietet. Als Folge der COVID-19-Pandemie bietet sie ihren Workshop auch online an und hofft, dass er bis zum nächsten Jahr auf der ganzen Welt in Spanisch oder Englisch käuflich erworben werden kann.

Zusätzlich zur Life Academy hat Maria mit der Unterstützung ihres Trainers und Mentors aus dem Mandela-Mile-Programm die neue Initiative Salvemos Vidas (Rettet Leben) entwickelt. Über eine Social-Media-Kampagne startete sie einen Aufruf für Freiwillige, bei dem sich mehr als 100 Menschen meldeten. Sie wurden im aktiven Zuhören geschult und darin, wie man mit Menschen mit Suizidgedanken spricht. Diese Freiwilligen rufen nun alle zwei Wochen alle Schülerinnen und Schüler der beiden High Schools mit der höchsten Selbstmordrate an, um nach ihnen zu sehen und sie zu unterstützen. Wenn sie merken, dass ein Schüler oder eine Schülerin gefährdet sind, beginnt einer der Freiwilligen, ihn oder sie öfter zu sehen. Wenn das Selbstmordrisiko steigt, werden die Familien informiert, so dass der Teenager von einer psychologischen Betreuung profitieren kann. Wenn dieses Pilotprojekt erfolgreich ist, hofft Maria, es auf alle High Schools der Stadt ausweiten zu können.

Marias Vision ist es, die Life Academy und Salvemos Vidas zu kombinieren, um Selbstmorde in Manizales zu beenden. In der Zwischenzeit wird sie nach Grossbritannien gehen, um dort Betriebswirtschaft zu studieren und den Life Academy-Workshop in London anbieten, wo die Selbstmordrate ebenfalls hoch ist. Jede britische Schule, die für den Workshop bezahlt, wird eine High School in Manizales unterstützen.

Ich habe keine Angst mehr. Herausforderungen sind Chancen, um voranzukommen.

Am Anfang wusste Maria nichts über soziales Unternehmertum, aber davon liess sie sich nicht unterkriegen. "Wenn man ein Unternehmen gründet, hat man eine Menge Ängste, aber ich habe auch einen grossen Freundeskreis. Gemeinsam mit meinen Freundinnen und Freunden, die mich unterstützen, konfrontiere ich meine Ängste. Wenn man versucht, die Welt zu verändern, braucht man wirklich Unterstützung."

Heute kann sie nichts mehr aufhalten: "Ich habe keine Angst mehr. Herausforderungen sind Chancen, um voranzukommen. Ich weiss, dass es eine Menge Herausforderungen geben wird. Aber ich freue mich riesig, sie zu meistern."

Offensichtlich haben die Leadership-Workshops, die sie besucht hat, gefruchtet, denn sie strahlt vor Leidenschaft und Zuversicht. Sie sagt: "Leadership ist die persönliche Herausforderung, sich selbst jeden Tag besser kennenzulernen, sich so, wie man ist, zu akzeptieren und die Kraft zu haben, all dies umzusetzen und der Welt zu dienen. Das gibt dir Vertrauen in dich selbst. Und auch, wenn du nicht selbstbewusst sein solltest, gibt dir Leadership Werkzeuge an die Hand, um Selbstvertrauen wiederzuerlangen und deine ganz besondere Kraft weiterzugeben."

Marias ganz besondere Kraft liegt in ihrem aussergewöhnlichen Mass an Energie. Sie geht sorgsam damit um und konzentriert sich auf Aktivitäten und Menschen, die sie stärken, anstatt ihr Energie zu rauben.

Für alle, die nicht wissen, worin ihre persönliche Stärke liegt, rät sie: "Zuerst musst du darauf vertrauen, dass du über eine besondere Kraft verfügst. Mach mehr von den Dingen, die dir Spass machen oder die du schon als Kind genossen hast. Das wird dir zeigen, wo deine Leidenschaft steckt und du kannst dies nutzen, um der Welt zu dienen. Ich habe gerne grosse Träume. Aber man kann auch mit kleinen Schritten beginnen. Man kann damit anfangen, in der eigenen Familie, in der Nachbarschaft, in der eigenen Stadt mitzuhelfen. Es bedarf nur einer Person, um anzufangen, die Welt zu verändern. Glaub an deine besondere Kraft und geh los und gib sie an die Welt weiter."

 

Erfahren Sie mehr über die diesjährige Konferenz Kreatives Leadership und melden Sie sich ab dem 1. Juni an!

 

Fotos: Maria del Pilar

 

Featured Story
Off

zum gleichen Thema

CL 2021 Hope square

Eine Reise von der Unsicherheit zur Chance

Die Konferenz Kreatives Leadership 2021 nahm die Teilnehmenden mit auf eine sechstägige Reise zum Thema „Von der Unsicherheit zur Chance“. Zwischen dem 25. und 31. Juli 2021 führten rund 150 Online-Te...

Betty Nabuto

"Danke, dass ihr Caux zu uns nach Hause gebracht habt"

"Ich war auf Grund von Visaproblemen noch nie in Caux. Als ich also eine E-Mail erhielt, in der ich gefragt wurde, was die Konferenz in meinem Leben bewirkt hatte, schrieb ich als Teil meiner Antwort:...

Shrouk Gamal

"Ein besserer Mensch"

"Die Konferenz hat mir gezeigt, wie sehr ich es liebe, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Die Mitglieder unserer Dialoggruppe haben mir Fragen gestellt, die mir vorher noch nie gestellt wurden. Das ha...

Manuela Garay 2021

"Ich konnte sehen, dass mein Beitrag wertvoll war!"

Manuela Garay aus Kanada war 2017 Teil des Caux Peace and Leadership Programms und reflektiert über die Auswirkungen, die diese Teilnahme auf ihr Leben hatte....

Hani Abou Fadel

"Es sind Geschichten, die uns Menschen ausmachen!"

"Diese aussergewöhnliche Konferenz hat mich dazu gebracht, ehrgeiziger, intellektuell ehrlicher und konsequenter zu sein", sagte Hani Abou Fadel aus dem Libanon nach seiner Teilnahme an der Konferenz ...

We love from Packages

We Love From: Das Leben anderer Menschen verändern

„Ich hätte nie gedacht, dass man mit einem Blatt Papier, einem Bleistift und ein bisschen Zeit und Mühe wirklich etwas im Leben eines anderen Menschen bewirken kann." - Georgina Flores und Lorena Mier...

Harmen van Dijk

Persönliche Weiterentwicklung leicht gemacht: "Fangen Sie einfach irgendwo an!"

Why would a diplomat throw in his career and give up a prestigious job to do something completely different? Find out what made Harmen van Dijk leave the Dutch diplomatic service to pursue a new dream...

CL Maria Romero Project Colombia hut

Finde deinen eigenen Führungsstil, um die Welt zu verändern

"Mir wurde klar, dass ich mich engagieren und etwas in der Welt bewirken kann." - Die Teilnahme am ehemaligen Caux Interns Programme (heute als Caux Peace and Leadership-Programm (CPLP) gekannt) im Ja...

CL 2020 piano at the opening

Kreatives Leadership - Gemeinsam für den Wandel

Die Konferenz "Kreatives Leadership" nahm die Teilnehmenden mit auf eine sechstägige persönliche Erkundungsreise. Im Mittelpunkt stand die Frage nach dem persönlichen Umgang mit Leadership. Mehr als 1...

Daniel Clements

Vom persönlichen Wandel zur Konferenzleitung: Daniel Clements

Ohne seinen Vater, der ihm im vergangenen Jahr die Teilnahme am Caux Peace and Leadership-Programm in Caux empfohlen hatte, hätte sich Daniel Clements vermutlich nie bei Initiativen der Veränderung (I...

TIP 2018

TIP 2018: "Wohin gehen wir von hier?"

Der heutige Tag befasste sich bei Auf dem Weg zu einem inklusiven Frieden mit der Kraft einer opferorientierten Justiz. Dr. Carl Stauffer, Professor der Eastern Mennonite University, und Thalia Gonzál...

Opening Ceremony 2018 audience

Building Trust in the Digital Age: Challenges and Opportunity

‘Trust needs to exist for society to function at all,’ said Christine Beerli, Council Member of Initiatives of Change Switzerland and panel moderator, as she kicked off the Caux Forum 2018. Emerging t...

Creators of Peace 2017

Eröffnung der Konferenz Gelebter Frieden: 25 Jahre Creators of Peace

Die Konferenz "Gelebter Frieden" wurde am 6. August 2016 eröffnet. Männer und Frauen aus 43 verschiedenen Ländern nehmen im Caux Palace daran teil und feiern 25 Jahre Creators of Peace. Dabei ist der ...

IPF

Abschluss des Internationalen Forums für Friedensschaffende 2016

Das diesjährige Internationale Forum für Friedensschaffende (IFP) wurde von Mpanzu Bamenga beendet, der seine Geschichte der Migration von Zaire in die Niederlande erzählte. Er schilderte die Schwier...


Zum gleichen Event

Creative Leadership 2021 CL square 25-31 Juli 2021

Kreatives Leadership

CL Weaving our stories DE square 15 Mai - 09 Juni 2021

Unsere Geschichte erzählen

CPLP applause 09-15 Juli 2020

Kreatives Leadership 2020