1989: Michel Orphelin - Theater des Herzens

Von Andrew Stallybrass

13/09/2021
Michel Orphelin acting in Caux

 

Als im Frühjahr 1946 die erste kleine Gruppe von Schweizern das verfallene Hotel in Caux besuchte, das zum Konferenzzentrum der Initiativen der Veränderung (IofC) werden sollte, stellten sie fest, dass der Ballsaal als Theater dienen könnte. Schon nach wenigen Jahre waren eine voll ausgestattete Bühne mit Werkstatt und allem, was dazu gehört, sowie eine Tribüne für das Publikum  samt Reihenbestuhlung entstanden. 

 

Michel Orphelin photo: David Channer
Michel Orphelin (Foto: David Channer)

 

Unzählige Stücke wurden im Theater von Caux aufgeführt, und ganze Scharen von Schauspielenden und Bühnenteams haben hier im Laufe der Jahre gearbeitet. Einer der vielen Stars war der französische Schauspieler Michel Orphelin, der 1989 mit seinem Ein-Mann-Stück über den heiligen Franz von Assisi, Poor Man Rich Man (Armer Mann, reicher Mann), von einer Tournee zurück nach Caux kam. Die französische Version, Un Soleil en Pleine Nuit, war 1980 in Caux uraufgeführt worden.

Ich bin nur ein Arbeiter. Ich tue, was ich kann.

Michel ist Mime, Sänger, Kabarettist und Schauspieler und befasst sich mit dem, was sein Sohn François "Theater der Armut" nennt. “Die wahre Avantgarde,” so Orphelin, “liegt in der grossen Einfachheit. Oft verstehen es komplizierte Inszenierungen nicht, das Herz anzusprechen". 

Michel and Marie-José Orphelin, 1972
Michel and Marie-José Orphelin, 1972

Seiner Meinung nach sollte Theater eine Verbindung der Liebe schaffen und vermitteln. Es solle sich mit der Realität befassen und einfach sein, ohne zu vereinfachen. “Ich bin nur ein Arbeiter", sagt er.” Ich tue, was ich kann.” 

Als junger Mensch hatte er sich nie getraut, sich selbst oder seinen Eltern gegenüber zuzugeben, dass er Künstler werden wollte. Also ging er auf eine Hotelfachschule. Dort gründete er mit zwei Freunden die Truppe Les trois Horaces, mit der er schliesslich als Profi auftrat. 12 Jahre lang gingen sie gemeinsam auf Tournee und traten über 70 Mal im Fernsehen auf. Aber er suchte nach wie vor nach Sinn für sein Leben.

Das änderte sich während eines Urlaubs in der Bretagne, als er in einer Zeit des emotionalen Aufruhrs den Sonnenuntergang im Meer beobachtete und ein Gefühl der Gewissheit erhielt. “Gott existiert", sagt er. “Ich bin ihm begegnet. Er war für mich da.”

Er merkte, dass sein neuer Glaube nicht automatisch die seit langem bestehenden Beziehungsprobleme in seiner Arbeit und mit seiner Mutter löste, die er zwar liebte, mit der er aber ständig stritt. 

Erst als er bei seinem ersten Besuch im Konferenzzentrum in Caux ein Theaterstück sah, fand er seinen Lebenssinn. „Es war, als ob ich das Kreuz auf der Bühne sähe. Es war ein Ruf, den Menschen ein leuchtendes Kreuz zu vermitteln.“ Er stellte die Beziehung zu seiner Mutter wieder her und sie fand ebenfalls einen Glauben. 

Dann baten ihn Freunde, in der Musik-Revue Anything to Declare?  (Bitte hinauslehnen) mitzuspielen, die ihn nach Indien führte. Er sagte zu, obwohl es nicht leicht war, so lange von seiner Frau, einer Violinistin, sowie von seinem Sohn und seiner Tochter getrennt zu sein. 

 

Image
Michel Orphelin (Mitte links) bei einem Auftritt in Caux, 1974

 

Von dieser Tournee bleibt ihm in lebhafter Erinnerung, wie ein junger Mann nach einer Aufführung im Gespräch mit einem der Darsteller mitteilte, dass er seinen Plan aufgegeben habe, die Person zu töten, die er für den Tod seines Cousins verantwortlich machte. Er war von einem Sketch bewegt worden, der die Erfahrung der Vergebung von Irène Laure dramatisierte. Nur wenige Schauspielende können wie Orphelin behaupten, sie hätten in einer Produktion mitgewirkt, die ein Leben gerettet hat.

Nur wenige Schauspielende können wie Orphelin behaupten, sie hätten in einer Produktion mitgewirkt, die ein Leben gerettet hat.

Poor Man, Rich Man war von Hugh Steadman Williams, einem britischen Dramatiker und IofC-Mitarbeiter speziell für Orphelin geschrieben worden. Michel führte das Stück in den 1980er Jahren in einem Dutzend Ländern auf und brachte es in den Sommermonaten öfters nach Caux zurück.

Hugh S Williams
Hugh S. Williams
Michel Orphelin Poor man rich man programme
Faltblatt von Poor Man,
Rich Man

Die Tourneen hatten mit ihren häufigen Reisen und langen Nächten auch ihre heiteren Momente. In einer kleinen Stadt bestellte der musikalische Leiter ein Klavier bei einem Musikgeschäft und musste bei der Lieferung feststellen, dass einige Saiten gerissen waren. “Aber sind Sie absolut sicher, dass Sie diese Noten spielen müssen?" fragte der Lieferant. 

Wo auch immer das Stück aufgeführt wurde, berührte es die Menschen tief. Nach einer Aufführung sagte eine Nonne: "Sie haben mir geholfen, meine Berufung zur Armut wiederzuentdecken." 

In Belgien kam ein Ehepaar mit einem Dilemma zu ihm. Sie hatten drei Kinder adoptiert - sollten sie ein viertes adoptieren? Einige Nächte später waren die beiden in einer anderen, mehrere hundert Kilometer entfernten Stadt wieder da. Sie hatten den Sprung gewagt, sagten sie, aber statt eines Kindes hatte man sie gebeten, einen Bruder und seine Schwester zu adoptieren. Sie wollten sie nach dem heiligen Franziskus und seinem weiblichen Gegenstück, der heiligen Klara, benennen.   

 

Michel Orphelin scene from Poor Man, Rich Man
Szene aus Poor Man, Rich Man

 

Wie der Heilige, den er darstellte, war sich Michel Orphelin immer über den Ursprung seiner Gabe im Klaren. Deshalb sei er nie so töricht gewesen, erklärt er, sich einzubilden, er sei selbst das die Quelle.

“Wer bin ich, dass ich Menschen so berühre?" fragte er sich. “Ich bin nur ein Rohr, durch das das lebendige Wasser des Schöpfers zu einem durstigen Publikum fliesst. Alles, was ich tun kann, ist versuchen, ein sauberes Rohr zu sein. Rohre sind wichtig, aber es sind nur Rohre.” 

 

Lesen Sie das französische Drehbuch von Poor Man, Rich Man

Entdecken Sie das Programm von Poor Man, Rich Man

Lesen Sie einen Artikel über das Stück

 

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Sehen Sie sich ein Video des Stücks an (1985)

 

 

Michel Orphelin beim Theaterspielen in Caux  (6"00')

 

 

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Diese Geschichte ist Teil unserer Serie "75 Jahre der Geschichten" über Einzelpersonen, die durch Caux eine neue Richtung und Inspiration für ihr Leben gefunden haben - eine Geschichte für jedes Jahr von 1946 bis 2021. Wenn Sie eine Geschichte kennen, die sich für diese Serie eignet, leiten Sie Ihre Ideen bitte per E-Mail an John Bond oder Yara Zhgeib. weiter. Wenn Sie mehr über die Anfangsjahre von Initiativen der Veränderung und das Konferenzzentrum in Caux erfahren möchten, klicken Sie bitte hier und besuchen Sie die Plattform For A New World.

 

  • Video Soleil en pleine nuit (Armer Mann, reicher Mann), Westminster Productions,1985: Initiativen der Veränderung
  • Foto Michel oben im Artikel: David Channer
  • Alle anderen Fotos und Faltblatt: Initiativen der Veränderung
  • Film Caux 1980: Initiativen der Veränderung
  • Korrekturlesung: Maya Fiaux

 

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