Gerecht führen: Wo soziale Gerechtigkeit beginnt
Ein Blog von Ignacio Packer, Geschäftsführer Caux Initiativen der Veränderung
19/02/2026
In der heutigen Welt bedeutet führen, sich in einer Welt der Unsicherheit, des raschen Wandels und steigender menschlicher Erwartungen zurechtzufinden. Zwischen wirtschaftlicher Leistung und sozialer Verantwortung spüren viele Führungskräfte eine neue, oft stille, aber sehr reale Spannung. Anlässlich des Internationalen Tages der sozialen Gerechtigkeit und im Anschluss an jüngste Gespräche mit Unternehmensleiter.inne.n in Caux reflektiert Ignacio Packer, Geschäftsführer der Stiftung Caux, darüber, was es in unserer Zeit bedeutet, gerecht zu führen. Eine Einladung, die Rolle von Leadership in einer sich wandelnden Welt aus einer gewissen Distanz zu betrachten.
Am 13. Februar sprachen wir im Caux Palace mit Führungskräften von Unternehmen über ein Paradoxon, das fast schon alltäglich geworden ist: Ihre Unternehmen halten noch durch... aber ihre Teams sind erschöpft.
Am Anfang sprach niemand über KI.
Wir sprachen über schwierige Vorstandssitzungen. Über kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die zwar nicht kündigen, aber auch keine Vorschläge mehr machen. Über wirtschaftlich richtige Entscheidungen, die ein diffuses Unbehagen hinterlassen.
Und irgendwann fasste ein Geschäftsführer zusammen, was viele dachten: „Ich muss mein Unternehmen umgestalten, aber ich möchte nicht derjenige sein, der Menschen verletzt. »
Dieser Satz steht für mich im Mittelpunkt des Welttags der sozialen Gerechtigkeit, den wir am 20. Februar begehen. Heute spielt sich soziale Gerechtigkeit nicht mehr nur in Gesetzen oder Umverteilung ab. Sie spielt sich in den täglichen Entscheidungen Tausender Führungskräfte ab. Sie spielt sich in ganz konkreten Entscheidungen ab: umstrukturieren, automatisieren, Stellen abbauen, zusätzliche Anstrengungen verlangen ... oder abwarten.
Heute spielt sich soziale Gerechtigkeit in den täglichen Entscheidungen der Führungskräfte ab.
Eine neue stille Verantwortung
Heute erleben viele Führungskräfte dieselbe Spannung. Auf der einen Seite: Kosten, Fachkräftemangel, Marktinstabilität, KI. Auf der anderen Seite: menschliche Erschöpfung, Sinnverlust, brüchiges Engagement. Schweizer Versicherungen bestätigen dies: Erschöpfung ist zu einer der Hauptursachen für Langzeitabwesenheiten geworden.
Aber Führungskräfte haben nicht den Luxus, abzuwarten. Und genau hier vollzieht sich ein tiefgreifender Wandel.
Unternehmen sindnicht mehr nur mit einer Wirtschaftskrise konfrontiert, sondern befinden sich am Scheideweg technologischer, sozialer, ökologischer und menschlicher Veränderungen. In diesem Zusammenhang bedeutet Leadership nicht mehr nur, eine Organisation zu optimieren. Es geht darum, in Zeiten der Unsicherheit Kurs zu halten, ohne dabei Menschen auf der Strecke zu lassen.
KI verändert weniger die Arbeit ... als die Rolle der Führungskräfte
Es wird viel darüber gesprochen, was KI ersetzen wird. Aber die eigentliche Frage lautet: Wer trägt die menschliche Verantwortung für die von Maschinen optimierten Entscheidungen? KI wird besser analysieren. Sie wird oft schneller und wirtschaftlich gerechter entscheiden. Aber eine Frage bleibt menschlich:
Ist diese Entscheidung für die betroffenen Personen gerecht?
Die Rolle von Führungskräften wandelt sich damit vom Leistungsmanager bzw. der -managerin zum Architekten oder der Architektin menschlicher Lebenswege.
Führen bedeutet nicht mehr nur, eine Organisation zu optimieren. Es geht darum, in Zeiten der Unsicherheit Kurs zu halten, ohne dabei Menschen auf der Strecke zu lassen.
Was wir in Caux verstanden haben
Nach mehreren Gesprächen mit Führungskräften wurde eines deutlich: Das Problem ist nicht in erster Linie technischer Natur. Es ist innerlich.
Viele wissen, was zu tun ist, zögern aber, wie sie es tun sollen, ohne Vertrauen zu zerstören. Was fehlt, ist kein Werkzeug. Es ist ein Raum, um klar zu denken. Ein Raum, in dem man aus dem Notfallmodus herauskommen und wieder voll verantwortlich werden kann.
Eine Erfahrung, keine Schulung
Aus diesem Grund haben wir mit Chemin 28 ein Immersionsprogramm in Caux vom 28. bis 30. Oktober 2026 konzipiert, um uns mit der Frage zu befassen, wie man im Zeitalter der künstlichen Intelligenz mit Menschlichkeit führen kann.
Diese Entscheidung steht in einer langen Tradition: Seit 1946 ist der Caux Palace ein internationaler Ort des Dialogs und der Reflexion über Ethik, Verantwortung und die Rolle von Entscheidungstragenden. Von den Grundsätzen für Unternehmen, die 1994 vom Runden Tisch von Caux ins Leben gerufen wurden, bis hin zu den aktuellen Programmen zu ethischem Leadership und menschenzentrierter Wirtschaft begleitet dieser Ansatz seit Jahrzehnten diejenigen, die den Menschen als Schlüssel zu nachhaltiger Leistung sehen.
Es geht nicht darum, sich KI anzueignen, sondern zu lernen, wie man Entscheidungen trifft in einem Kontext ständiger Veränderung. Eine Zeit, um wieder zu seinem inneren Kompass zu finden, zu verstehen, was sich weiterentwickeln muss und was geschützt werden muss, Leistung und Würde in Einklang zu bringen und zu transformieren, ohne zu verraten.
Führungskräfte bei diesem Event kommen nicht, um Rezepte zu suchen. Sie kommen, um wieder sich auf Wesentliches zu konzentrieren. Denn im Grunde beruht nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit heute auf einer seltenen Eigenschaft: der Fähigkeit, eine Organisation weiterzuentwickeln, ohne Ungerechtigkeit zu schaffen.
Soziale Gerechtigkeit in der Praxis
Soziale Gerechtigkeit ist kein abstraktes Konzept mehr. Sie kommt zum Tragen, wenn eine Führungskraft Veränderungen ankündigt, ohne zu demütigen, zu automatisieren, ohne aufzugeben, zu reduzieren, zu zersören und ohne zu manipulieren.
In einer Welt, die von vielfältigen Krisen und KI geprägt ist, sollte das Unternehmen ein Ort sozialer Stabilität sein. Und jede Managemententscheidung wird zu einer gesellschaftlichen Entscheidung.
In Caux möchten wir Führungskräften die Möglichkeit geben, Folgendes zu erleben:
- die Sicherheit eines vertrauensvollen Raums,
- die Klarheit tiefgründiger Überlegungen,
- die Hoffnung, die ein klarer Kurs mit sich bringt
- und die Fähigkeit, konkret zu handeln.
Dann kann Veränderung geschehen.
Es geht nicht darum, netter zu sein, sondern gerechter. Denn es ist dieser innere Anspruch, der es ermöglicht, Unternehmen zu verändern, ohne ihre Leistung oder die Menschen zu opfern.
Eine Überzeugung
Wir treten in eine Zeit ein, in der Maschinen Entscheidungen optimieren werden. Aber der soziale Zusammenhalt wird von jenen abhängen, die ihnen einen Sinn geben. Leadership wird in Zukunft nicht in erster Linie eine technische Kompetenz sein, sondern eine menschliche Verantwortung.
Und vielleicht letztendlich eine zutiefst soziale Verantwortung.
Unsere Veranstaltung „Mit Menschlichkeit führen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz” interessiert Sie? Tauchen Sie ein in die grandiose Naturkulisse des Caux Palace und erkunden Sie mit uns, wie technologische Übergänge bewusst, demokratisch und respektvoll begleitet werden können.
Es geht nicht darum, netter zu sein, sondern gerechter. Denn es ist dieser innere Anspruch, der es ermöglicht, Unternehmen zu verändern, ohne ihre Leistung oder die Menschen zu opfern.
Ignacio Packer
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Ignacio Packer ist Geschäftsführer der Stiftung Caux Initiativen der Veränderung, einer Schweizer Wohltätigkeitsstiftung, die sich für die Förderung von Vertrauen, ethischem Leadership, nachhaltiger Lebensweise und menschlicher Sicherheit einsetzt. Mit mehr als 30 Jahren Erfahrung im humanitären Bereich und in der Entwicklungszusammenarbeit arbeitete er zunächst bei der Europäischen Bank für Lateinamerika und anschliessend bei KPMG, bevor er seit mehr als 25 Jahren als anerkannter Leiter von NGOs und internationalen Allianzen tätig ist. Als Experte für Menschenrechte und soziale Fragen engagiert er sich insbesondere für den Schutz von Migrant.inn.en und Flüchtlingen, insbesondere von Kindern und Jugendlichen.
Fotos: Olivia Chollet & Christophe Koninckx

























