Jenseits der Trümmer: Die verborgenen Auswirkungen der Explosion in Beirut

Caux Peace and Leadership-Programm (CPLP)

23/09/2020
Antoine Chelala

 

Das Caux Peace and Leadership-Programm (CPLP) ist ein Programm von IofC Schweiz mit einem Alumni-Netzwerk in über 40 Ländern. Ziel der Alumni ist es, sowohl ihr Umfeld als auch sich selbst zu verändern.

Eine neue Reihe an Events und Artikeln möchte die zunehmenden Sichtbarkeit des Programms unterstützen und zum Nachdenken anregen. Gleichzeitig soll sie den Alumni ermöglichen, ihre Geschichten, Erfahrungen und Herausforderungen auszutauschen und darüber zu sprechen, wie sie die Kernbotschaft des Programms auf ihr tägliches Leben übertragen. Der Austausch von Erfahrungen und seine Auswirkungen sind innerhalb des Alumni-Netzwerks nach wie vor spürbar, da uns die Erfahrungen anderer Menschen inspirieren. Wir möchten Ihnen daher durch diese neue Reihe jeden Monat Denkanstösse bieten.

Zusätzlich zu Berichten und Interviews können Sie sich zu Gesprächen anmelden, um die Erfahrungen unserer beeindruckenden Alumni gemeinsam zu diskutieren.

Der Beginn der Serie ist unseren Freundinnen und Freunden in Beirut gewidment, die nach den verheerenden Ereignissen des 4. August 2020 immensen Mut und Stärke bewiesen haben.

 

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Wenn das eigene Zuhause zum Tatort wird, möchte man einerseits fliehen. Gleichzeitig verspürt man jedoch den Wunsch, verstärkt daran festzuhalten.

 

Antoine Chelala ist ein junger Absolvent der American University of Beirut mit einem Hintergrund in Wirtschafts- und Sozialpsychologie. Er nahm 2017 und 2019 am Caux Peace and Leadership-Programm teil und war Teil der neuen Konferenz Kreatives Leadership 2020, die im Rahmen des ersten Caux Forum Online stattfand. Seitdem arbeitet er mit Initiativen der Veränderung im Libanon zusammen und glaubt fest an die Bedeutung eines persönlichen Wandels auf lokaler und globaler Ebene. Wie viele andere Menschen war er am 4. August 2020 in Beirut, als es zu einer massiven Explosion kam. Dies ist seine Geschichte.

 

Ich habe immer eine Hassliebe zu meinem Land verspürt. Die jüngsten Ereignisse und die Katastrophe in der Hauptstadt verstärken diese widersprüchlichen Gefühle, die ich gegenüber dem Libanon hege.

Der Libanon ist mein Zuhause und ich liebe mein Zuhause. Es gibt keinen anderen Ort wie diesen, auch wenn er zu viel Schmerz und Trauer in sich vereint. Wenn ein Zuhause getötet, zerstört und weggenommen wird, ist es schwer, sich sicher zu fühlen. Wenn das eigene Zuhause zum Tatort wird, möchte man einerseits fliehen. Gleichzeitig verspürt man jedoch den Wunsch, verstärkt daran festzuhalten. Wenn Gerechtigkeit unerreichbar zu sein scheint, wird es zu Hause niemals Frieden geben. Die Explosion, die sich am 4. August 2020 um 18.07 Uhr in Beirut ereignete, ist ein katastrophales Ereignis, ein Ereignis, das in den Herzen des gesamten libanesischen Volkes Angst und Schrecken verbreitete. An diesem Tag blieb die Zeit stehen. Wenige Sekunden genügten, um alles zu ändern. An diesem Tag haben wir alle auf die eine oder andere Weise geblutet.

Eine Woche nach der Explosion im Hafen von Beirut, der längsten Woche meines Lebens, habe ich immer noch keinen Stift in die Hand nehmen können. Ich werde nie die richtigen Worte finden, um auszudrücken, was unsere Augen gesehen und was unsere Herzen empfunden haben. Ich sehe immer wieder die Bilder in meinem Kopf. Ich höre immer wieder die Geräusche. Ich erlebe den Augenblick immer wieder und fürchte, dass er sich wiederholt.

Wie trauere ich um eine Stadt? Wie trauere ich um Orte? Wie trauere ich um Erinnerungen? Wie trauere ich um Menschen, die ich nie getroffen habe? Um Opfer, die ich nie kennenlernen werde? Wie trauere ich um Kulturstätten? Geschichte und Gebäude? Wie trauere ich um Beirut?

Ich habe bemerkt, dass viele Menschen an Beirut schreiben. Ich dachte mir, vielleicht ist es besser, nur vielleicht, und leichter, über eine tote Stadt zu weinen, wenn man Beirut als Person anspricht. Beirut, hast du noch den Mut, nach allem, was passiert ist, zu träumen? Hörst du uns überhaupt zu, wenn wir dir sagen, dass du wieder auferstehen wirst? Kann dein Schmerz von Hoffnung überdeckt werden, an der wir festhalten? Bist du noch immer stolz, wenn man dich den Phönix nennt? Ganz gleich, wie viel ich über dich schreibe, die Tinte, die aus meiner Feder fliesst, wird niemals das fliessende Blut oder die fliessenden Tränen ausdrücken können. Ich muss schlicht und einfach zugeben, dass ich nie die Worte finden werde.

Irgendwie möchte ich an der Traurigkeit festhalten. Ich möchte in der Trauerphase verbleiben, weil ich mich dafür verantwortlich fühle, die Erinnerung an Beirut wach zu halten. Ich möchte nicht zu früh loslassen. Ich will nicht, dass Beirut in Vergessenheit gerät. All dieser Schmerz kann nicht verschwinden. Ich möchte jeden Tag davon bewegt werden. All dieses Leid muss anerkannt und gewürdigt werden.

Viele Menschen um mich herum, auch ich, fühlen sich schuldig, weil sie nicht genug leiden. Dieses Schuldgefühl steht Glück, innerem Frieden und geistiger Klarsicht im Wege. Alltägliche Aktivitäten, wie ein Buch lesen, spazierengehen oder einen Film sehen wurden plötzlich zu einem Luxus, den sich nur einige von uns leisten können. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich diese Dinge verdiene, solange Beirut noch in Trümmern liegt. Zu viele Herzen wurden gebrochen, und im Gegensatz zu zerbrochenem Glas kann kein Besen diese ewigen Narben wegfegen. Ich fühle mich auch deshalb schuldig, weil ich weiss, dass die Dinge eines Tages für mich wieder zur Normalität zurückkehren werden, da wir keine nahen Familienangehörigen verloren haben, es uns allen körperlich gut geht und unser Haus noch existiert. Hunderttausende von Menschen dagegen werden nicht in der Lage sein, einfach "zur Normalität zurückzukehren". Ihr Leben hat sich für immer verändert.

 

Wenn Sie am Samstag, den 10. Oktober 2020 um 14.00 Uhr CEST mit den Alumni des Caux Peace and Leadership-Programm an einem Folgegespräch über Beirut teilnehmen möchten, können Sie sich über diesen Link anmelden. Lesen Sie hier unsere allgemeinen Anmeldebedingungen.

Mehr Informationen zu den Caux Peace and Leadership-Talks finden Sie hier.

Sie erhalten anschliessend eine Email mit allen notwendigen Informationen, um am Talk teilnehmen zu können.

 

 

 

 

 

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