Fantasie, Kunst und die lange Arbeit des Friedens
Ein Blog von Maruee Pahuja
13/03/2026
Maruee Pahuja (Indien) arbeitet an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und menschlichen Beziehungen. Als Augenheilkundlerin, bildende Künstlerin, Beraterin für Ausdruckskunst und Moderatorin untersucht sie, wie Kreativität unsere Perspektiven bereichern und Empathie, Gesundheit und den Weg zum Frieden fördern kann.
Bei der Stiftung Caux Initiativen der Veränderung leitet sie künstlerische Arbeiten mit jungen Führungskräften im Rahmen der Jugendinitiative Creative Leadership und ist Mitglied des Beirats und des Direktoriums der Begegnungen von Caux zu Kunst und Frieden.
Maruee hat bei zahlreichen internationalen Veranstaltungen gesprochen, unter anderem bei der Kofi Annan Peace Address 2024, dem Internationalen Tag des Bewusstseins 2025 und der Abschlusszeremonie der Genfer Friedenswoche 2025. Sie leitete Workshops, in denen sie Fantasie, Bewegung und kreativen Ausdruck als wirkungsvolle Instrumente für Empathie, Hoffnung und Resilienz untersuchte.
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Ich betrachte die Zeit, in der wir leben, kritisch, insbesondere als Künstlerin, und teile zutiefst die Meinung von Adrienne Maree Brown, die in Emergent Strategy schreibt: „Vielleicht bin ich schuldig, zu viel als Visionärin zu sprechen. Deshalb konzentriere ich mich auf ein einziges Ziel: gemeinsame Visionen zu schaffen und unsere Fähigkeit zu stärken, gemeinsam die Zukunft zu gestalten.“
Dank der Kunst und ihrer Rolle in der Friedensförderung konnte ich mich an diesem Schnittpunkt verorten, den ich seit Jahren bewusst beschreite. Die Vorbereitung der Begegnungen von Caux zu Kunst und Frieden im letzten Jahr und des Workshops zur Genfer Friedenswoche 2025 hat mir sowohl Freude gemacht als auch eine Erkenntnis vermittelt.
Was vielleicht nur wenige Wochen Vorbereitung zu erfordern scheint, ist in Wirklichkeit das Ergebnis jahrelanger unsichtbarer Arbeit: Forschung, Praxis, Versuch und Irrtum... und Vertrauen in die Kunst und die Menschheit, selbst in schwierigen politischen Ökosystemen.
Die Rolle der Künste bei der Friedenskonsolidierung
In unserem Bereich sind Burnout, Verzweiflung und emotionale Erschöpfung an der Tagesordnung. Meine Freundin Debra Roberts sagte mir einmal: „Vertraue deiner Kreativität, sie ist wirklich die beste Versicherung im Leben. Der kreative Akt ist das, was uns am Leben und gesund hält.“ Wenn wir weiterhin als Akteur.inn.e.e. des Wandels, als Führungskräfte und Friedensschaffende tätig sein wollen, müssen wir auch die Hoffnung und die Fähigkeit pflegen, lebendig und gesund zu sein.
Wie der Pionier der Friedensförderung John Paul Lederach sagt, ist Friedenskonsolidierung selbst ein kreativer Akt. Das führt uns zurück zum Konzept der Salutogenese, also dem Ursprung der Gesundheit. Es geht nicht darum, Krankheiten zu heilen, nachdem sie ausgebrochen sind, sondern sich auf jene Bedingungen zu konzentrieren, die Gesundheit und Resilienz fördern.
Wir durchleben multiple Krisen. Das Gefühl der Überforderung, Müdigkeit und Angst ist unvermeidlich. Viele junge Führungskräfte, mit denen ich gearbeitet habe, haben diese Schwierigkeiten zum Ausdruck gebracht. Es liegt daher in unserer Verantwortung als kreative Menschen, unter solchen Umständen unsere Vorstellungskraft zu entwickeln und zu erhalten. Die Kunst bietet eines der wichtigsten Mittel, um diese Fähigkeit zu kultivieren.
Wenn wir weiterhin als Akteur.inn.e.n des Wandels, als Führungskräfte und Friedensschaffende tätig sein wollen, müssen wir auch die Hoffnung und die Fähigkeit pflegen, lebendig und gesund zu sein.
Ein konkretes Beispiel: Kreatives Leadership und junge Menschen
Als Mitglied des Jugendteams Creative Leadership von Caux Initiativen der Veränderung habe ich begonnen, Kreativität und Ausdruckskunst in Online-Konferenzen und -Veranstaltungen für junge Menschen aus aller Welt einzuführen. Seitdem haben wir fünf Online-Konferenzen organisiert, die sich mit Themen wie der Auseinandersetzung mit Unsicherheit, der Erfindung neuer Möglichkeiten, der Neugestaltung von Demokratien und der Schaffung von Gegennarrativen befassten.
Durch künstlerische Methoden wie kreatives Schreiben, visuellen Ausdruck, Bewegung, Musik, Fotografie, von der Natur inspirierte Kunst, Achtsamkeit und kreativen Dialog lernen die Teilnehmenden, andere Wege des Erkennens zu erkunden: imaginative, intuitive, verkörperte.
In diesem Jahr werden wir „Reimagining Democracy/Democracies” (Demokratie(n) neu denken) veranstalten, die zweite Ausgabe unseres Programms für junge Führungskräfte im Caux Palace, und wir werden weiterhin diese kreativen Ansätze und Praktiken des Lernens und Dialogs integrieren.
Es handelt sich um verkörperte Mittel, um Veränderungen zu bewirken, die sich nach aussen auswirken. Die Teilnehmenden gestalten anschliessend künstlerische Workshops in ihren Gemeinden, Schulen und Organisationen, wobei sie kreative Methoden einsetzen, um Dialog, Empathie und Heilung zu fördern. Viele sind von diesen Kunstworkshops beeindruckt, und einige bitten um Ratschläge für die Gestaltung künstlerischer Interventionen für junge Menschen in ihren jeweiligen Organisationen.
Kunst als Prozess, nicht als Produkt
Es ist wichtig, zwischen Kunst als Produkt oder Fertigkeit und Kunst als Prozess der Gemeinschaftsbildung, des Ausdrucks und der Heilung zu unterscheiden. Viele Menschen verwechseln Kunsttherapie, Ausdruckstherapie, Kunst als Therapie und andere künstlerische Ansätze, aber jede dieser Disziplinen hat ihre eigene Philosophie und Methodik.
In meiner eigenen Praxis überschneiden sich diese Dimensionen ebenfalls auf unterschiedliche Weise:
Als Augenexpertin gebe ich Menschen, die durch ein Trauma, einen Krieg oder eine Krankheit ein Auge verloren haben, ihr Sehvermögen und ihre Präsenz zurück. Diese technische und künstlerische Arbeit gibt ihnen Würde, Hoffnung und soziales Engagement zurück.
Als bildende Künstlerin schaffe ich multisensorische Installationen, die die Wahrnehmungsempathie erweitern, indem sie Themen wie Sichtbarkeit, Identität, Inklusion und Wahrnehmung erforschen. Das Ziel ist nicht, ein fertiges Produkt zu schaffen, sondern zum Nachdenken und zum relationalen Verständnis anzuregen.
Als Moderatorin für Ausdruckskünste führe ich die Teilnehmende durch kreative Prozesse, die relationale Transformation, Dialog und gemeinschaftliche Resilienz fördern. Das Ziel ist nicht, ein raffiniertes Kunstwerk zu schaffen, sondern einen Raum zu schaffen, in dem Sinn entstehen kann und Empathie und Vorstellungskraft Wurzeln schlagen und sich entfalten können.
Aus dieser Arbeit sind mehrere Ideen hervorgegangen:
- Vom Verständnis zur Sinnstiftung: zuerst Ausdruck und Verkörperung, dann Reflexion.
- Handeln → Innehalten → Reflektieren → Verstehen: ein nichtlinearer, zyklischer Ansatz.
- Wenig Kompetenz, viel Sensibilität: Leistungsbarrieren überwinden und die innewohnende kreative Fähigkeit nutzen.
Kunst auch disruptiv sein, dominante Narrative in Frage stellen, Perspektiven erweitern und vermeintliche „Wahrheiten” hinterfragen. In einer Welt, die Menschen auf Rollen oder Daten reduziert, humanisiert Kunst und schafft Möglichkeiten, die sich nur wenige zu träumen wagen.
Wie Maria Popova schreibt: „Die wenigen Menschen, die sich weigern, die Grenzen des Erlaubten mit dem Horizont des Möglichen zu verwechseln, werden einen völlig neuen Tisch bauen und dessen leere Oberfläche mit Optionen füllen, die andere sich nicht zu träumen gewagt haben. Das sind Visionär.inne.e, [Künstler.innen], die einzigen Menschen, die diese Welt jemals verändert haben.»
Das Ziel ist nicht, ein raffiniertes Kunstwerk zu schaffen, sondern einen Raum, in dem Sinn entstehen kann und Empathie und Vorstellungskraft Wurzeln schlagen und wachsen können
Nachhaltigkeit in der Friedenskonsolidierung
Nachhaltigkeit in Foren zur Friedenskonsolidierung bedeutet nicht nur, Programme aufrechtzuerhalten. Es geht darum, die Fähigkeiten zur Regeneration zu fördern: Vorstellungskraft, Neugier, Beziehungsvertrauen und kreatives Denken.
Künstlerische Praktiken können dazu beitragen, die Hoffnung auch in einem komplexen Krisenkontext aufrechtzuerhalten.
Sowohl Poesie als auch Politik haben ihren Platz in der Friedenskonsolidierung.
Natürlich bleiben Herausforderungen bestehen: begrenzte Ressourcen, die Gefahr eines oberflächlichen Engagements in der Kunst und die Schwierigkeit, subtile Auswirkungen wie Beziehungsvertrauen oder innere Resilienz zu messen. Dennoch verkörpern diese Mikro-Praktiken die Prinzipien einer sich abzeichnenden Strategie: bescheidene, anpassungsfähige und beziehungsorientierte Massnahmen, die nach und nach die Weltanschauung von morgen prägen.
Letztendlich geht es vielleicht nicht darum, ob Frieden existieren kann, sondern darum, wie die Voraussetzungen geschaffen werden können, damit er wieder vorstellbar wird.
Die Frage ist vielleicht nicht, ob Frieden existieren kann, sondern wie man die Voraussetzungen dafür schafft, dass er wieder vorstellbar wird.
Abschlussüberlegungen
Während wir die nächste Ausgabe der Caux Begegnungen zu Kunst und Frieden (10.-13. Mai 2026) vorbereiten, habe ich mehr Fragen als Antworten, aber auch eine tiefe Überzeugung:
- Ein Gedanke, eine Idee kann den Lauf der Geschichte verändern.
- Glaubenssysteme sind lebendig, sie sind nicht festgeschrieben und können neu geschrieben werden.
- Kunst ist eine diskrete und geduldige Kraft, die uns an unsere gemeinsame Menschlichkeit erinnert.
- Meisterschaft bedeutet nicht, alles zu wissen, sondern offen zu bleiben für das, was wir noch nicht wissen.
Kunst lädt uns ein, unsere Neugierde zu pflegen, unser Bewusstsein zu erweitern und Hoffnung zu bewahren – wesentliche Werkzeuge, um in der heutigen Welt Frieden zu schaffen.
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CauxBegegnungen zu Kunst und Frieden 2026: Nächste Schritte
In einer Welt, in der Frieden und interkulturelles Verständnis vor immer grösseren Herausforderungen stehen, ist es dringender denn je, Räume für Dialog, Empathie und Verbindung zu schaffen. Kunst ist ein mächtiges Werkzeug, um komplexe Emotionen zu navigieren, Heilung zu fördern, Gräben zu überbrücken und Verständnis zu stärken.
Machen Sie mit, wenn Künstler.innen, Friedensschaffende und Akteure und Akteurinnen des Wandels bei den Begegnungen von Caux zu Kunst und Frieden 2026 (10. bis 13. Mai 2026) untersuchen, wie Kreativität bedeutende Veränderungen in Gemeinschaften und in der Welt bewirken kann.
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