Gedenktag für Atomwaffenopfer 2026: Wenn Atomwaffenopfer die Welt warnen, muss die Welt zuhören
Ein Blog von Ignacio Packer, Geschäftsführer von Caux Initiativen der Veränderung
06/03/2026
Jedes Jahr am 1. März begehen die Marshallinseln den Gedenktag für Atomwaffenopfer, um jener Menschen zu gedenken, die zwischen 1946 und 1958 von Atomtests betroffen waren. In diesem Jahr veranstaltete die Ständige Vertretung der Republik Marshallinseln zusammen mit der Stiftung Caux und dem Ökumenischen Rat der Kirchen am 6. März 2026 im Maison de la Paix in Genf eine Gedenkfeier.
Anlässlich des 72. Jahrestags des Castle Bravo-Atomtests – der stärksten jemals von den Vereinigten Staaten gezündeten Atomwaffe – wurden bei der Veranstaltung in Genf die anhaltenden Folgen der 67 Atomtests auf den Marshallinseln für Mensch, Umwelt und nachfolgende Generationen hervorgehoben. Unter dem Motto „Añin Jitbon Mar” (Spiritueller Ruf unserer Inseln) rief die Gedenkfeier zu globaler Solidarität bei der Bewältigung der Folgen der Atomtests und der Verfolgung nuklearer Gerechtigkeit auf.
Im Anschluss an die Veranstaltung schrieb Ignacio Packer, Geschäftsführer der Stiftung Caux Initiativen der Veränderung, über seine Gedanken über die eindringliche Warnung der Überlebenden der Atomtests und deren Bedeutung für die heutige Welt:
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Heute habe ich mehr zugehört als gesprochen.
Es war der Gedenktag für die Opfer von Atomwaffen, bei der Gedenkfeier in Genf am 6. März. Der Raum war nicht mit politischer Rhetorik gefüllt, sondern mit Stimmen, die Erinnerungen transportierten – Erinnerungen an die Atomtests auf den Marshallinseln und an die Generationen, die noch immer mit deren Folgen leben.
Es gibt Momente im internationalen Genf, in denen man erkennt, dass Diplomatie und Menschlichkeit auf sehr persönliche Weise miteinander verflochten sind. Für mich war dies einer dieser Momente.
Zwischen 1946 und 1958 wurden auf den Marshallinseln 67 Atomwaffen gezündet. Für viele von uns gehören diese Zahlen in die Geschichtsbücher. Für die Marshalles.inn.en gehören sie zu ihren Familiengeschichten – zu Krankheiten, zu Ländern, in die sie nie zurückkehren konnten, und zu einer Beziehung zum Meer und zum Land, die tiefgreifend gestört wurde.
Heute haben wir diesen Stimmen zugehört. Und sie sprachen nicht nur über die Vergangenheit.
Sie warnten die Welt.
Es gibt Momente (...), in denen man erkennt, dass Diplomatie und Menschlichkeit auf sehr persönliche Weise zusammenkommen.
Ich wurde 1962 geboren, auf dem Höhepunkt der Spannungen um die Berliner Mauer und die Kubakrise, als der Kalte Krieg die Menschheit erschreckend nahe an eine nukleare Katastrophe brachte. Für meine Generation war die nukleare Bedrohung Teil des Hintergrundrauschens unserer Kindheit – etwas, von dem wir hofften, dass es mit dem Ende des Kalten Krieges allmählich verblassen würde.
Eine Zeit lang schien es so, als wäre dies der Fall.
Jüngste Einschätzungen der Vereinten Nationen und führender Forschungsinstitute warnen jedoch davor, dass die Welt möglicherweise in die gefährlichste nukleare Phase seit Jahrzehnten eintritt. Konflikte verschärfen sich, Rüstungskontrollvereinbarungen werden geschwächt und Atomwaffenarsenale weiter ausgebaut.
Allein in der vergangenen Woche haben sich Kriege dramatisch verschärft. Die globalen Spannungen nehmen weiter zu. Die Sprache der Atomwaffen ist in den internationalen Diskurs zurückgekehrt.
Als ich heute den Überlebenden zuhörte, musste ich unweigerlich an die Welt denken, die jüngere und zukünftige Generationen erben werden. Ich bin Vater von drei wunderbaren jungen Erwachsenen, die heute zwischen 27 und 32 Jahre alt sind. Wie viele Eltern hoffe ich, dass sie in einer Welt leben werden, in der die Lehren der Vergangenheit gelernt und nicht vergessen wurden.
Aber Hoffnung allein reicht nicht aus.
Was mich bei der heutigen Gedenkfeier am meisten beeindruckt hat, war die Würde, mit der die Überlebenden gesprochen haben. In ihren Worten lag keine Wut. Stattdessen war Entschlossenheit zu spüren – eine stille Mahnung, dass Atomwaffen keine abstrakten geopolitischen Instrumente sind. Sie sind Instrumente, die Menschen und ganze Ökosysteme unermessliches Leid zufügen können.
Die Überlebenden verstehen diese Realität besser als jeder andere. Und wenn Überlebende sprechen, wird die Menschheit nicht nur dazu aufgefordert, sich zu erinnern, sondern auch daraus zu lernen.
Wenn Überlebende sprechen, wird die Menschheit nicht nur dazu aufgefordert, sich zu erinnern, sondern auch daraus zu lernen.
Ich bin mir zudem bewusst, dass ich diese Worte aus einem privilegierten Teil der Welt schreibe, in dem Frieden und Stabilität oft als selbstverständlich angesehen werden. Doch im Laufe der Jahre hatte ich als humanitärer Helfer das Privileg, Menschen aus vielen Teilen der Welt zu treffen – Gemeinschaften, die Konflikte, Vertreibung, Ungerechtigkeit und aussergewöhnliche Widerstandsfähigkeit erleben.
Diese Begegnungen verändern die Sicht auf die Welt. Sie erinnern daran, dass unser Planet in hohem Masse voneinander abhängig ist. Das Leid einer Region ist niemals wirklich isoliert vom Rest der Menschheit.
Heute, da sich im Nahen Osten ein verheerender Krieg abspielt und an anderen Orten geopolitische Spannungen zunehmen, ist die Warnung der Überlebenden des Atomkriegs schmerzlich aktuell. Ihre Botschaft ist nicht ideologisch. Sie ist zutiefst menschlich.
Erinnert euch daran, was geschehen ist. Versteht die Konsequenzen. Wählt einen anderen Weg.
Bei der Stiftung Caux Initiativen der Veränderung glauben wir, dass Frieden mit dem Mut zum Zuhören beginnt – insbesondere wenn die Geschichten, die wir hören, unsere Komfortzone herausfordern.
Letzten Sommer haben wir in Caux oberhalb von Montreux, im historischen Caux Palace, eine Ausstellung mit Zeichnungen von Kindern aus dem Pazifik gezeigt, die von Atomtests betroffen sind. Mehr als 800 Besucher.innen kamen, um die Ausstellung zu sehen. Viele erfuhren zum ersten Mal von der Geschichte der Marshallinseln.
Kinder drücken die Wahrheit oft mit bemerkenswerter Klarheit aus. Ihre Zeichnungen sprachen von Verlust, aber auch von Hoffnung. Sie erinnerten uns daran, dass Erinnerung zu einer Kraft für Verantwortung werden kann.
Wir glauben, dass Frieden mit dem Mut zum Zuhören beginnt – insbesondere wenn die Geschichten, die wir hören, unsere Komfortzone herausfordern.
In diesem Jahr feiert die Stiftung Caux ihr das 80-jährige Bestehen und Caux als Ort, der sich der Vertrauensbildung und Versöhnung widmet. In diesen acht Jahrzehnten haben sich Menschen aus aller Welt dort versammelt, um sich mit schwierigen Erlebnissen auseinanderzusetzen und Vertrauen über Grenzen hinweg wiederaufzubauen.
Die Stimmen, die wir heute gehört haben, gehören zu derselben Reise. Es sind keine Stimmen der Anklage. Es sind Stimmen der Warnung – und der Hoffnung.
In einer Welt, in der immer wieder Kriege ausbrechen und das Misstrauen zwischen den Nationen wächst, erinnern uns die Zeugnisse der Überlebenden von Atomwaffen an etwas Wesentliches: Frieden ist nicht einfach die Abwesenheit von Krieg. Er ist das Ergebnis von Entscheidungen, die wir individuell und gemeinsam treffen.
Die Entscheidung, zuzuhören. Die Entscheidung, sich zu erinnern. Die Entscheidung, verantwortungsbewusst gegenüber zukünftigen Generationen zu handeln.
Frieden ist nicht einfach die Abwesenheit von Krieg. Er ist das Ergebnis von Entscheidungen, die wir individuell und gemeinsam treffen.
Als Vater, als Humanist und einfach als Bürger dieses fragilen Planeten kann ich diese Stimmen nicht hören, ohne mir eine einfache Frage zu stellen: In einer Welt, in der Kriege um sich greifen, nukleare Risiken steigen und das Misstrauen zwischen den Nationen wächst - was muss jede.r von uns ijetzt tun, um die Zukunft unserer Kinder zu schützen?
Die Überlebenden der Marshallinseln fordern uns auf, ehrlich über diese Frage nachzudenken. Ihr Appell richtet sich nicht nur an Regierungen.
Er richtet sich an uns alle.
Lesen Sie Ignacios Rede vom 6. März 2026
Die Stimmen der Überlebenden fordern uns nicht nur auf, über die Zukunft nachzudenken, die wir gestalten. Sie erinnern uns auch daran, dass Demokratie, Frieden und menschliche Sicherheit Mut, Dialog und Verantwortung erfordern. In diesem Sommer wird das Caux Forum für Demokratie (22. bis 26. Juni) Menschen aus der ganzen Welt in Caux zusammenbringen, um sich mit der Frage von Hoffnung, Heilung und menschlicher Sicherheit auseinanderzusetzen.
Machen Sie mit und seien Sie mit dabei – erfahren Sie mehr und melden Sie sich jetzt an.
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Ignacio Packer ist Geschäftsführer der Stiftung Caux Initiativen der Veränderung, einer Schweizer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung von Vertrauen, ethischem Leadership, nachhaltigem Leben und menschlicher Sicherheit einsetzt. Mit über 30 Jahren Erfahrung in der humanitären und Entwicklungsarbeit war er bei der Europäischen Bank für Lateinamerika und anschliessend bei KPMG tätig, bevor er über 25 Jahre lang eine anerkannte Führungsrolle in NGOs und internationalen Allianzen übernahm. Als Experte für Menschenrechte und soziale Fragen setzt er sich insbesondere für den Schutz von Migrant.inn.en und Flüchtlingen, vor allem von Kindern und Jugendlichen, ein.





























































