Stelle mit 80–100 % Arbeitspensum, Standort Caux, Schweiz
16/06/2026
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Stelle mit 80–100 % Arbeitspensum, Standort Caux, Schweiz
Die Stiftung Caux sucht eine.n Leiter.in für Finanzen, Verwaltung und Personalwesen (80–100 %) zur Verstärkung ihres Teams im Caux Palace oberhalb von Montreux.
Als Mitglied des Führungsteams spielen Sie eine Schlüsselrolle bei der Leitung der Supportfunktionen der Stiftung und tragen zu deren Entwicklung in einem einzigartigen internationalen Umfeld bei.
Diese Stelle verbindet strategische und operative Aufgaben mit der Leitung der Bereiche Finanzen, Personalwesen und Verwaltung und fördert gleichzeitig eine Organisationskultur, die auf Vertrauen, Ethik, Zusammenarbeit und Nachhaltigkeit basiert.
Sind Sie eine vielseitige und engagierte Persönlichkeit und möchten Sie Ihre Kompetenzen in den Dienst einer Organisation stellen, die sich seit fast 80 Jahren dafür einsetzt, Vertrauen über Grenzen hinweg aufzubauen? Dann ist diese Stelle genau das Richtige für Sie. Wir freuen uns auf Ihre Bewerbung.
Manchmal kommen die Momente, die unser Leben prägen, unerwartet. Für Lewis Cardinal (Kanada) begann ein solcher Moment mit einer nächtlichen Fahrt auf einen Berg und wurde zu einer lebenslangen Reise des Zuhörens, der Zugehörigkeit und der menschlichen Verbundenheit - und zu der Erkenntnis, dass echter Wandel oft leise beginnt.
Als Lewis Cardinal 2004 zum ersten Mal im Caux Palace ankam, zeigte sich der Berg von seiner rauen Seite.
Es war nach ein Uhr morgens, als ihr Wagen den langsamen Aufstieg oberhalb von Montreux begann. Der Regen prasselte so heftig gegen die Windschutzscheibe, dass die Scheibenwischer kaum hinterherkamen. Blitze zuckten über den Himmel und tauchten die dunklen Alpenbäume für einen Augenblick in grelles weisses Licht, bevor sie wieder in der Dunkelheit verschwanden.
Neben ihm versuchte seine Frau, ihre Angst vor den steilen Abgründen am Strassenrand mit einem Lachen zu überspielen. Auf dem Rücksitz drückte seine Tochter ihr Gesicht gegen die Scheibe. Als sie schliesslich vor dem Caux Palace ankamen, dachte Lewis: „Es sieht aus wie Frankensteins Schloss.“
Dann öffnete sich die Eingangstür, und er wurde in der wohligen Wärme willkommen geheissen.
Lewis (links) mit indigenen Führenden aus Kanada und Sibirien, Caux 2004
Auch Jahre später erinnerte sich Lewis noch an diesen Moment – nicht an den Sturm oder an das surreale Gefühl, mitten in der Nacht einen Palast an einem Berghang zu entdecken. Was ihm im Gedächtnis blieb, war etwas viel Einfacheres: die Freundlichkeit, die ihm entgegengebracht wurde. Nachdem er sein ganzes Leben lang erfahren hatte, wie es sich anfühlte, am Rand zu stehen und von außen in den Kreis hineinzublicken, hatte Freundlichkeit immer noch die Kraft, ihn zu überraschen.
Lewis stammt von den Woodland Cree im Norden Albertas in Kanada. Sein Grossvater lehrte ihn, dass Erfolg wenig bedeutet, wenn man sich nicht umdreht und anderen hilft, mit aufzusteigen. Seine Grossmutter lehrte ihn, dass selbst ein Garten dazu bestimmt ist, mehr zu nähren als nur denjenigen, der ihn angelegt hat. Diese Lehren begleiteten ihn, als er mit Staatsoberhäuptern zusammensass, mit Mitgliedern von Königshäusern speiste und Zeit mit dem Dalai Lama verbrachte und dabei erkannte, dass selbst ein spiritueller Gigant auf wunderbare Weise menschlich bleiben kann.
Und sie begleiteten ihn auch bei seinem ersten Besuch in Caux.
Lewis spricht beim Caux Forum 2023 mit Allan-Charles Chipman (IofC USA) und Marienne Makoudem
Als Lewis das Gebäude betrat, spürte er unter den polierten Böden und der europäischen Geschichte etwas unerwartet Vertrautes. Heilige Orte, das wusste er, werden nicht aus Stein geschaffen. Sie entstehen durch den Geist, den die Menschen in sie hineintragen.
Caux, so empfand er, war ein Ort, an den Menschen kamen, um zuzuhören - nicht jenes höfliche Zuhören, das nur darauf wartet, selbst an der Reihe zu sein, sondern etwas Tieferes. Die Art des Zuhörens, die indigene Völker seit Generationen pflegen: auf die leise Stimme hinter dem Lärm zu hören.
Wann immer Lewis nach seinem ersten Besuch nach Caux zurückkehrte, sass er mit Ältesten und Führungspersönlichkeiten aus allen Teilen der Welt zusammen. Ihre Lieder waren verschieden, ihre Zeremonien waren verschieden, ihre Geschichten hatten unterschiedliche Wege genommen. Doch unter all diesen Unterschieden waren die Grundwerte dieselben: der Respekt vor der Erde als etwas Lebendigem, die Überzeugung, dass Menschen in Beziehungen zueinander leben und nicht isoliert voneinander existieren, und das Wissen, dass Heilung dort beginnt, wo Menschen bereit sind zuzuhören - nicht nur einander, sondern auch der Stille in ihrem Inneren.
Dies war es, was ihn veränderte. Er begann zu verstehen, dass seine Aufgabe nicht nur darin bestand, für indigene Völker zu sprechen, sondern Räume zu schaffen, in denen Menschen einander wirklich begegnen konnten.
Morgenzeremonie „Greeting the Day“ während der Caux Arts and Peace Encounters 2025 ((Foto: Orjan Ellingvar)
Beim Caux Forum 2023 führte Lewis Morgenzeremonien ein, die auf indigenem Wissen und indigener Weisheit basieren - Momente der Besinnung, die schon immer Teil der Tradition in Caux waren, nun aber mit heiligen Liedern und stillen Zusammenkünften am Feuer verbunden wurden.
Seitdem sind diese Zeremonien fester Bestandteil der Sommerkonferenzen geworden und erinnern daran, dass wir alle eine Menschheit sind. Im Sommer 2025 brachte Lewis ein originales Cree-Tipi nach Caux, wo es in den Gärten des Caux Palace schnell zu einem der Höhepunkte des Sommers wurde.
Aufbau des Tipis in Caux mit Hinauri Nehua Jackson vom Global Indigenous Dialogue (Foto Mitte: R. Rolim)
Für Lewis ist es wichtig, dass Menschen die Bedeutung von Gleichgewicht verstehen und die Beziehung zu dem, was uns umgibt und mit dem wir verbunden sind. Ebenso wichtig ist die Erkenntnis, dass jede.r von uns eine Rolle zu spielen hat.
„Manchmal trägt die leiseste Stimme ein Puzzleteil in sich, das dein Problem löst“, sagt er. „Das werden wir nicht wissen, wenn nur die lauten Stimmen gehört werden.“
Denn erst in der Stille und im Zuhören beginnt wirklicher Wandel.
Manchmal trägt die leiseste Stimme ein Puzzleteil in sich, das dein Problem löst. Das werden wir nicht wissen, wenn nur die lauten Stimmen gehört werden.
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Eindrücke vom Caux Forums für innere Entwicklungsziele 2025 (Lewis rechts im Bild)
(* Das Tipi wird auch Teil des Caux-Sommers 2026 sein. Sie können am 21. Juni zu den Sonnenwendfeiern im Caux Palace kommen und beim Aufbau für den Sommer mithelfen.)
Lewis Cardinal ist Kommunikator, Pädagoge und Geschichtenerzähler der Sucker Creek Cree First Nation im Gebiet des Treaty No. 8 im Norden von Alberta, Kanada. Seit über drei Jahrzehnten umfasst seine Arbeit lokale, nationale und globale Formen der Interessenvertretung, insbesondere in den Bereichen indigene Rechte, kulturelle Wiederbelebung, städtische indigene Selbstbestimmung, Kapazitätsentwicklung und interreligiöser Dialog. Seine Verdienste wurden unter anderem mit zwei Medaillen von Königin Elizabeth II. (Diamant- und Platinjubiläum), dem Indspire Award for Public Service (eine Auszeichnung indigener Völker Kanadas), der Centennial Medal for Human Rights and Diversity der Provinz Alberta sowie der Ehrendoktorwürde in Theologie des St. Stephen’s College der University of Alberta für seine Arbeit zum Brückenbau zwischen kulturellen und religiösen Welten gewürdigt. Im vergangenen Oktober wurde Lewis zum 11. Kanzler des St. Stephen’s College an der University of Alberta in Edmonton ernannt.
Diese Erfahrungen prägen seine Arbeit als Berater und Medienproduzent, in der er sich auf indigene Bildung, indigene Regierungsführung, strategische Kommunikation und Projektentwicklung spezialisiert hat. Vor allem aber leitet ihn sein lebenslanges Engagement für die Pflege heiliger Beziehungen zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften und Weltanschauungen.
Lewis ist Leiter des Global Indigenous Dialogue und Vorsitzender des Vorstands von Initiatives of Change Canada.
Feuerstelle, die für Lewis’ morgendliche „Greeting the Day“-Zeremonien in Caux genutzt wird
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Bei einer Wirkungsmessung geht es um mehr als nur das Zählen von Aktivitäten, Teilnehmenden oder Social-Media-Impressionen. Es geht auch nicht darum, das zu bestätigen, was wir ohnehin schon glauben. Es geht darum zu verstehen, ob durch unsere Arbeit sinnvolle Veränderungen stattfinden.
Die erste unabhängige Wirkungsstudie (2023–2025) der Stiftung Caux untersucht genauer, wie Vertrauensbildung, Dialog und Zusammenarbeit durch unsere Aktivitäten zu nachhaltiger Wirkung beitragen – und welche Erkenntnisse dabei gewonnen werden können.
Wirkung ist niemals das Verdienst einer einzelnen Organisation. In Caux entsteht sie durch jene Menschen, Partnerschaften und Gespräche, die dazu beitragen, Vertrauen über Grenzen hinweg aufzubauen.
Von Widerstand zu Versöhnung: Das aussergewöhnliche Jahrhundert des Jens Jonathan Wilhelmsen
01/06/2026
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Jens Wilhelmsen in Caux in den 1950er Jahren, Foto: IofC
Am 10. Juni 2026 wird Jens Jonathan Wilhelmsen von Initiativen der Veränderung Norden 100 Jahre alt – ein bemerkenswerter Meilenstein für einen Mann, dessen Leben von einigen der prägenden Konflikte und Versöhnungsprozesse der Moderne geprägt wurde. Während seines jahrzehntelangen Engagements auf drei Kontinenten liess sich Wilhelmsen stets von einer einfachen, aber anspruchsvollen Überzeugung leiten: dass dauerhafter gesellschaftlicher Wandel mit persönlicher Veränderung beginnt.
Jens Wilhelmsen wurde 1926 in Norwegen geboren - auf halbem Weg zwischen den beiden Weltkriegen, die das 20. Jahrhundert geprägt haben - und wuchs während der deutschen Besatzung Norwegens auf. Als junger Mann beteiligte er sich in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs an der geheimen Widerstandsbewegung. Wie bei vielen seiner Generation hinterliess der Krieg tiefe Spuren. In den folgenden Jahren durchlebte er eine Phase der Depression und der Unsicherheit über die Zukunft.
Ein Wendepunkt kam, als er auf Initiativen der Veränderung stiess, das damals noch unter dem Namen "Moralische Aufrüstung" (MRA) bekannt war. Eine bestimmte Herausforderung traf ihn mit ungewöhnlicher Wucht: „Wenn du eine bessere Welt haben willst, ist der beste Ausgangspunkt bei dir selbst.“
Was vielleicht simpel klang, erwies sich in der Praxis als lebensverändernd. Wilhelmsen erinnerte sich später daran, wie Versuche, angespannte Beziehungen innerhalb seiner eigenen Familie zu kitten, unerwartet positive Ergebnisse brachten. Diese Erfahrung überzeugte ihn davon, dass Versöhnung kein abstraktes Ideal, sondern eine praktische Kraft ist.
Zu dieser Zeit studierte er Philologie an der Universität Oslo. Im Jahr 1948 wandte sich eine Länder-Regierung im Nachkriegsdeutschland an die MRA mit der Bitte um Hilfe, um „unserem Volk neue Hoffnung zu geben“. Für einen jungen Norweger, der die Besatzungszeit durchlebt hatte, war die Einladung, in Deutschland zu arbeiten, sowohl eine moralische Herausforderung als auch von historischer Bedeutung. Wilhelmsen nahm sie an.
Wenn du eine bessere Welt haben willst, ist der beste Ausgangspunkt bei dir selbst.
Unterwegs mit der Gruppe „European Action Force“, 1974 / Mit dem französischen Komponisten Paul Misraki (am Klavier), 1948 (Jens steht beide Male in der Mitte), Fotos: IofC
Die folgenden fünf Jahre führten ihn ins Ruhrgebiet, das industrielle Herz Deutschlands, wo die politischen und moralischen Spannungen des Nachkriegseuropas deutlich zu spüren waren. Dort wurde er Zeuge einer Gesellschaft, die nach dem Nationalsozialismus und dem Krieg darum rang, sich materiell und geistig wieder aufzubauen. Industrielle mit nationalsozialistischem Hintergrund, sozialistische Arbeiter.innen und dem Marxismus verpflichtete Gewerkschafter.innen suchten in einem gespaltenen Land gemeinsam nach einem Weg in die Zukunft.
Eine Begegnung im Jahr 1949 war besonders prägend. Wilhelmsen wohnte bei dem kommunistischen Arbeiteraktivisten Max Bladeck und seiner Frau Grethe in deren bescheidener Dreizimmerwohnung im Ruhrgebiet. Sie boten dem jungen Norweger ein Sofa in ihrem Wohnzimmer an, und Nacht für Nacht diskutierten die beiden Männer bis spät in den Abend hinein über Politik, Ideologie und die Zukunft Europas.
Zunächst führten die Diskussionen zu nichts. Wilhelmsen reflektierte später, dass er einen Grossteil seiner Energie darauf verwendet habe, Max von allem zu überzeugen, was er am Kommunismus für falsch hielt. Dann, während eines Moments der morgendlichen Besinnung, vollzog sich bei ihm ein Perspektivwechsel: Anstatt die Überzeugungen anzugreifen, denen Max sein Leben gewidmet hatte, sollte er - Jens - ehrlich darüber sprechen, wo er selbst seinen eigenen Idealen nicht gerecht geworden war.
An jenem Abend verzichtete Wilhelmsen auf weitere Auseinandersetzungen und sprach stattdessen über seine eigenen Unzulänglichkeiten und Widersprüche. Zu seiner Überraschung reagierte Max im gleichen Sinne. Wie Wilhelmsen später schrieb: „Unsere ideologischen und politischen Standpunkte lagen immer noch weit auseinander, doch zwischen uns wuchs ein gewisses Vertrauen.“
Unsere ideologischen und politischen Standpunkte lagen immer noch weit auseinander, doch zwischen uns wuchs ein gewisses Vertrauen.
Mit Adolf Scheu, Kullervo Rainio und Japie Basson, 1972 / Mit Max Bladeck in Japan (zweiter von rechts) in den 1950er Jahren, Fotos: IofC
Diese Begebenheit wurde zum Symbol für den Ansatz, der Jens Wilhelmsens Lebenswerk prägen sollte. Er erkannte, dass Vertrauen selten durch ideologischen Sieg entsteht; es wächst, wenn Menschen den Mut aufbringen, ehrlich zu sich selbst zu sein. In der tief gespaltenen Atmosphäre des Nachkriegseuropas, wo Bitterkeit und Misstrauen das politische Leben prägten, stellten solche Begegnungen einen anderen Weg dar – einen Weg, der nicht auf dem Verzicht an Überzeugungen beruhte, sondern auf Menschlichkeit und Selbstreflexion.
Wilhelmsen ist überzeugt, dass diese Bemühungen um Versöhnung auf ihre eigene bescheidene Weise zu Deutschlands bemerkenswertem Wiederaufbau beitrugen. Er sah, wie ehemalige Feinde, Arbeitgebende und Arbeitnehmende, Konservative und Sozialist.inn.en allmählich begannen, beim Wiederaufbau einer demokratischen Gesellschaft zusammenzuarbeiten. Die Lektionen, die er im Ruhrgebiet gelernt hatte, sollten ihn für den Rest seines Lebens begleiten.
1953 wurde er nach Japan eingeladen, wo er eng mit führenden Persönlichkeiten aus Politik, Industrie und Jugendarbeit zusammenarbeitete. Besonders enge Verbindungen knüpfte er innerhalb von Seinendan, der vier Millionen Mitglieder zählenden Jugendorganisation des Landes. Als die Organisation 1957 beschloss, hundert Jugendleiter.innen zu einer MRA-Konferenz in die Vereinigten Staaten zu entsenden, wurde Wilhelmsen gebeten, sie zu begleiten.
Diese Reise schlug ein neues Kapitel auf. Während seines zweijährigen Aufenthalts in Amerika übernahm er vielfältige Aufgaben – von Kontakten zu Politikern in Washington bis hin zur Unterstützung von Gewerkschaftsführern, die in den Häfen von New York und den Stahlstädten von Pennsylvania Prinzipien des Dialogs und der Vertrauensbildung umsetzten. Durch diese Erfahrungen entwickelte er ein ganz eigenes Verständnis von Leadership: dass gesellschaftlicher Wandel nicht nur von Institutionen und Politik abhängt, sondern auch von den moralischen Entscheidungen jedes und jeder Einzelnen.
Jens im Gespräch in Caux, 2024 (Foto: Ulrike Pick)
In den folgenden Jahrzehnten weitete sich Wilhelmsens Arbeit auf Afrika, Indien, Osteuropa und Westeuropa aus. In den neu unabhängigen afrikanischen Staaten begegnete er dem komplexen Erbe von Kolonialismus, Ungleichheit und ethnischer Spaltung. Vor allem seine Erfahrungen in Burundi und im Kongo vertieften seine Reflexionen über die historische Verantwortung Europas und über die Zerbrechlichkeit des Friedens dort, wo das Vertrauen zerbrochen ist.
Seit 1967 lebten er und seine Frau Klär Wilhelmsen in Oslo. Gemeinsam gründeten sie eine Familie und führten ein internationales Leben, das der Versöhnung und dem bürgerschaftlichen Engagement gewidmet war. Klär starb 2015 und hinterliess zwei Töchter, Schwiegersöhne, acht Enkelkinder und einen Urenkel.
Neben seiner praktischen Arbeit war Wilhelmsen auch als Autor tätig. Sein 2016 erschienenes Buch Eyewitness to the Impossible (Augenzeuge des Unmöglichen) enthält Reflexionen über das, was er als „Vertrauensbildung auf drei Kontinenten“ bezeichnete. Das Buch verbindet Memoiren, politische Beobachtungen und moralische Reflexionen und stellt den Leser.inne.n gewöhnliche Menschen vor, deren Handeln den Lauf der Geschichte beeinflusst hat: deutsche Bergleute und Industriemanagende, japanische Jugendleiter.innen, afrikanische Unabhängigkeitskämpfende und viele andere. „Geschichte zu schreiben ist nicht das Monopol der Reichen und Mächtigen“, sagt er.
Geschichte zu schreiben ist nicht das Monopol der Reichen und Mächtigen.
Caux Intergenerational Forum 2024: Jens auf der Bühne mit seiner Tochter Camilla (links) / Die jüngste und der älteste Konferenzteilnehmer.in
Die zentrale Botschaft des Buches greift den Grundsatz auf, der ihn bereits als jungen Mann inspirierte: „Wenn sich Einzelne oder Nationen mit ihren eigenen Verfehlungen auseinandersetzen, anstatt mit denen anderer, werden mächtige Kräfte freigesetzt.“ Anstatt ideologische Formeln anzubieten, lädt Wilhelmsen uns ein, in unserem eigenen Leben mit Ehrlichkeit, Verantwortung und Versöhnung zu experimentieren.
Rezensenten in Norwegen würdigten sowohl die historische Tragweite als auch die moralische Ernsthaftigkeit seines Werks: „Können gewöhnliche Menschen Geschichte schreiben?“ und kamen zu dem Schluss, dass Wilhelmsens Geschichten zeigen, dass diejenigen, die die Welt verändern wollen, „bei sich selbst anfangen müssen, aber dort nicht aufhören dürfen.“ (Vårt Land, Oslo)
Nun, da er sein hundertstes Lebensjahr erreicht, steht Jens Jonathan Wilhelmsen als Zeuge eines Jahrhunderts, das von Krieg, ideologischen Konflikten, Entkolonialisierung und Globalisierung geprägt war – aber auch von aussergewöhnlichen Beispielen menschlicher Erneuerung. Sein Leben war nicht der Prominenz oder Macht gewidmet, sondern der geduldigen und oft unsichtbaren Arbeit, Vertrauen zwischen Menschen aufzubauen, die einst durch Hass, Angst oder Ungerechtigkeit getrennt waren.
In einer Zeit, die nach wie vor von Polarisierung und Konflikten geprägt ist und in der die Demokratie bedroht ist, bleibt sein Beispiel von bemerkenswerter Aktualität. Wilhelmsens jahrhundertelanger Lebensweg erinnert uns daran, dass Versöhnung niemals naiv ist, wenn sie auf Mut, Ehrlichkeit und persönlicher Verantwortung beruht. Wie er sein ganzes Leben lang gezeigt hat, wird Geschichte nicht nur von Regierungen und Generälen geschrieben. Sie wird auch von gewöhnlichen Menschen geprägt, die bereit sind, sich selbst zu verändern – und dadurch dazu beizutragen, die Welt zu verändern.
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Jens!
Caux Intergenerational Forum 2024: Jens spricht bei einer Plenarsitzung / Ein Wiedersehen alter Freunde: mit Usha und Rajmohan Gandhi (Foto: Ulrike Pick) / Auf der Bühne, während er auf seinen Auftritt wartet.
In einer Zeit, in der die Welt mit Spaltung, Misstrauen und Unsicherheit konfrontiert ist, sind die Überzeugungen, von denen sich Jens Jonathan Wilhelmsen seit fast acht Jahrzehnten leiten lässt, aktueller denn je. Der Bedarf an ehrlichem Dialog, moralischem Mut und der Wiederherstellung von Vertrauen über politische, kulturelle und ideologische Grenzen hinweg ist nach wie vor dringend.
Dies sind auch die zentralen Fragen des Caux Forum für Demokratie (22. – 26. Juni 2026), das diesen Sommer in Caux stattfindet: Es bringt Bürger.innen, Führungskräfte und Changemaker.innen aus aller Welt zusammen, um zu erörtern, wie Demokratie durch Verantwortung, Dialog und zwischenmenschliche Beziehungen erneuert werden kann.
Mariana Tobón Almanza hat einen Bachelor-Abschluss in International Hospitality and Business und absolviert derzeit ihren Master in Projekt- und Finanzentwicklung an der Vatel Switzerland. Die gebürtige Kolumbianerin kam 2021 in die Schweiz, wo sie ihre internationale Perspektive mit praktischer Erfahrung in der Hotellerie verbindet. Angetrieben von ihrer Leidenschaft für Menschen und ihrer Liebe dazu, unvergessliche Erlebnisse zu schaffen, bringt Mariana sowohl Herzlichkeit als auch Professionalität in alles ein, was sie tut.