Der Garten der Heilung von Nagaland

Von Alan Channer

27/05/2020
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Von Alan Channer
Visier Sanyu portrait

 

Dr. Visier Sanyü schläft oft in seinem Baumhaus. Es ist ein Merkmal des 12 Hektar grossen Gartens der Heilung, den er im nordindischen Medziphema angelegt hat. Sanyü ist pensionierter Professor für Geschichte und Archäologie und zitiert Besucherinnen und Besuchern gegenüber gerne ein griechisches Sprichwort: "Eine Gesellschaft wird gross, wenn alte Männer Bäume pflanzen, von deren Schatten sie wissen, dass sie nie darin sitzen werden".

Sanyüs Vision ist es, "eine Gesellschaft zu fördern, die die natürliche Welt und ihr kulturelles Leben schützt, respektiert und mit ihr in Verbindung steht, so dass jeder Naga in der Lage ist, ein erfülltes Leben zu führen". Er selbst ist zutiefst beeinflusst von den Traditionen und der Kultur Nagalands. Er ist in einer Gemeinschaft aufgewachsen, in der Jhum - Brandrodung praktiziert wird. Sein Vater jagte nach Nahrung. Während des Naga-Aufstands in den späten 1950er Jahren lebte Sanyüs Familie zwei Jahre lang im Dschungel und zog von einem behelfsmässigen Lager zum nächsten, um der indischen Armee zu entkommen.

Er erinnert sich an eine Begegnung mit einem Tiger: "Er zog an unserem Lager vorbei und hielt an. Vater sagte, wir sollten stehen bleiben. Wir sahen uns eine scheinbar lange Zeit lang an. Dann verschmolz er wieder mit dem dichten Laub. Als ich viele Jahre später William Blakes Gedicht 'The Tyger' las, erinnerte ich mich lebhaft an diesen Moment.... Der Dschungel hat für mich eine spirituelle Bedeutung", erklärt Sanyü. "Wir waren von ihm abhängig und er hat uns am Leben erhalten. Er ist geheimnisvoll. Er ist wie eine Mutter. Er gibt mir Trost."

Sanyü ist einer der Ältesten des Angami-Stammes, ehemaliges Mitglied des Ältestenrats von Initiativen der Veränderung International (IofC) und Ehrenpräsident der Überseeischen Naga-Vereinigung.

Im Jahr 1974 wurde er eingeladen, an der IofC-Musikproduktion "Song of Asia" teilzunehmen, die durch Asien und Europa tourte. Sanyü hatte eine Sprechrolle in einem Sketch, der von einer Fehde inspiriert worden war, die tief in seine eigene Familie hineingegriffen hatte. Der Sketch mit dem Titel "Wer wird die Kette des Hasses durchbrechen?" handelte von einer Mutter mit drei Söhnen. Ihr erster Sohn wurde von der indischen Armee erschossen. Ihr zweiter Sohn, gespielt von Sanyü, wurde daran gehindert, sich an dem Dorfbewohner zu rächen, der seinen Bruder verraten hatte, und beging Selbstmord. Der dritte Sohn änderte seine Meinung und verriet den Informanten. Der dritte Sohn sagte zu seiner Mutter: "Wenn ich den Mut haben kann, einen Mann zu töten, warum kann ich dann nicht auch den Mut haben, ihn genug zu lieben, um ihn zu ändern?"

Visier Sanyu tree house

Sanyü erinnert sich: "Song of Asia veränderte mein Leben und liess einen Freundeskreis auf der ganzen Welt entstehen, der bis heute existiert".

1996 nahm er ein Sabbatjahr an der Fakultät für Soziologie und Anthropologie der La-Trobe-Universität in Melbourne. Es war eine Zeit der politischen Unruhen und des Brudermords in Nagaland und er beschloss, mit seiner Familie in Australien zu bleiben. Ein Freund witzelte, er sei "ein indigener Nichtaustralier, der ein nicht-indigener Australier geworden ist".

Er schloss sich dem Stab von World Vision an und leitete das erfolgreiche Projekt "Welcome to my place", das Gastfreundschaft für Flüchtlinge und Asylsuchende in Melbourne förderte. Pastor Tim Costello, der damalige Geschäftsführer von World Vision Australien, schrieb später eines der Vorworte zu Sanyüs Autobiografie "A Naga Odyssey". Das zweite Vorwort stammt von dem Autor und Historiker Rajmohan Gandhi, einem Enkel von Mahatma Gandhi.

Sanyü wusste, er würde eines Tages nach Hause zurückkehren müssen. "Es war eine innere Vision, ein Zwang, ein Traum", erinnert er sich. Ein klares Ziel hatte in seinem Kopf Gestalt angenommen: die Schaffung eines "Gartens der Heilung".

"Jede Naga-Familie hat ein Trauma erlebt", erinnert er sich. "Ich wollte einen heilenden Raum schaffen. Für mich war ein Garten eine sinnvolle Möglichkeit, dies zu tun".

Heute wachsen etwa 50 Baumarten in Sanyüs Garten der Heilung. In seinem Zentrum befinden sich zwei Hektar dichten Waldes, wo Sanyü auf einer kleinen Lichtung einen Kreis aus flachen Steinen installiert hat, in dem sich Menschen treffen können. Studierende, NGO-Gruppen, kirchliche Gruppen und verschiedene politische Fraktionen kommen hierher, um sich inmitten des Waldes zusammenzusetzen und auszutauschen.

"Früher hatte ich sechs Morgen Teakholz auf diesem Land, bevor ich nach Australien ging", erinnert sich Sanyü, "aber in letzter Zeit habe ich das Teakholz gefällt, das Holz verkauft und durch andere Arten ersetzt, um die Tierwelt zu fördern. Ich habe auch Obstbäume und Bambus gepflanzt, von denen wir in Nagaland viele einheimische Arten haben."

Die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten von Bambus stehen im Mittelpunkt der ländlichen Wirtschaft Nagas. Von der scharfen Klinge, die die Nabelschnur eines Neugeborenen entfernt, bis zur fein gewebten Matte, die über den Verstorbenen gewickelt wird, spielt Bambus während des gesamten Lebens der Naga eine wichtige Rolle. Bambus wächst schnell und ist ergiebig und wird im Bau- und Ingenieurwesen, zur Herstellung von Kleidung, im Kunsthandwerk, als Nahrungsmittel, in der Medizin und als Rohstoff für Zellstoff und Papier verwendet. Bambus entzieht der Atmosphäre mehr Kohlenstoff und setzt mehr Sauerstoff frei als ein Baumbestand auf der gleichen Fläche.

Sanyü ist der Ansicht, indigene landwirtschaftliche Praktiken sollten möglichst mit modernen, wissenschaftlichen Methoden integriert werden. Er weist auf mehrere Agroforstsysteme der Naga hin, insbesondere auf die Bestäubung der Himalaya-Erle auf den Feldern rund um sein Heimatdorf Khonoma, einer einheimischen Art, die Stickstoff fixiert.

Khonoma war das erste grüne Dorf Indiens, eine Auszeichnung, die es 2005 von der Regierung von Nagaland und der indischen Regierung erhielt.

"Einige der Ältesten in meinem Dorf wollten den Wald und unser Naturerbe schützen", erinnert sich Sanyü. "Sie gewannen den Streit mit denjenigen, die den Holzeinschlag und die Jagd wie gewohnt fortsetzen wollten. 1998 wurde das 2000 Hektar grosse Naturschutzgebiet Khonoma Nature Conservation and Tragopan Sanctuary (KNCTS) offiziell abgegrenzt. Der Tourismus kam in Schwung. Besucherinnen und Besucher kommen aus der ganzen Welt zum Übernachten ins Dorf, darunter Ornithologinnen und Ornithologen, die den Blyth's Tragopan, den Naga-Zaunkönig, den Grossen Nashornvogel und unzählige andere Vogelarten sehen möchten.

Sanyü hat schon führende Aborigines aus Australien, Maoris aus Neuseeland und einen Sami-Führer aus Norwegen in seiner Heimat im Wald willkommen geheissen.

2018 sprach er beim Caux-Dialog über Land und Sicherheit in der Schweiz über seine Vision. Er glaubt, den indigenen Völkern der Welt komme eine wichtige Rolle zu: zu handeln und dafür einzutreten, um den störenden Klimawandel einzugrenzen, Bäume zu erhalten, zu regenerieren und neu zu pflanzen.

"Eines Tages besuchte mich eine in Amerika lebende Naga", erinnert sich Sanyü. "Wir setzten uns in den Wald. Ich machte Tee und servierte ihn in einer Bambustasse. Sie erzählte mir von ihrer Arbeit und ihrem Leben in Amerika. Plötzlich begann sie zu weinen. Dann sagte sie: 'Ich bin geheilt.' Ich bin kein Seelsorger oder Mönch. Wir sprachen nicht einmal über Heilung... Ich glaube, der Grund dafür ist im Wald zu finden."

 

 

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Vivek Asrani arbeitet seit 35 Jahren im familieneigenen Unternehmen und ist derzeit Geschäftsführer von Kaymo Fastener Company/Indien. Er war aktives Mitglied von AIESEC von 1968 -89 und Gründungspräsident des Vereins der Jugend für ein besseres Indien (1990-93). Er lernte IofC 1992 kennen und ist seit 1995 aktives Mitglied. Derzeit ist er im Vorstandes von IofC Indien. Vivek ist ausserdem Vorstandsmitglied verschiedener NGOs in Indien. Seine Frau Rashida leitet ein Möbelunternehmen. Vivek und Rashida haben zwei Söhne.

Klima und Wirtschaft in der Welt nach COVID

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13/05/2020
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Von Karina Cheah und Irina Federenko

Während die pandemiebedingten Sperren und Reisebeschränkungen langsam nachlassen und eine Rückkehr zum normalen Leben näher rückt, befinden wir uns in unserem Verhalten gegenüber unserer Umwelt an einem kritischen Punkt. Die Verbreitung des neuartigen Coronavirus hat Licht auf einige der länger anhaltenden Auswirkungen jenes Drucks geworfen, den die Menschheit auf die Natur ausübt und es liegt an uns, die richtige Entscheidung zu treffen, um unseren Planeten in der postpandemischen Realität zu bewahren.

Es besteht kein Zweifel daran, dass die weltweite Abschottung dazu beigetragen hat, die Luft zu reinigen und Innovationen in der Nahrungsversorgungskette und im Gesundheitswesen zu beschleunigen. Das Virus hat auch zu wachsender Kritik am weltweiten Handel mit Wildtieren geführt (der WWF beziffert dessen Wert auf etwa 20 Milliarden Dollar pro Jahr), der uns mit Tieren und Lebensräumen in Kontakt bringt, denen wir zuvor nicht ausgesetzt waren. Dr. Ben Embarek von der Abteilung für Ernährung und Lebensmittelsicherheit der Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass die Zahl bisher unbekannter Krankheiten im Zusammenhang mit neuen Kontakten zwischen Mensch und Tier zunimmt. Er rät zu einer verstärkten Regulierung des Handels mit Wildtieren, um in Zukunft ähnliche Gesundheitskrisen zu verhindern. Eine solche Regulierung wäre auch ein entscheidender Schritt zum Erhalt der Artenvielfalt und zum Schutz gefährdeter Tiere durch illegalen Handel. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels wurden in China vorübergehende Verbote erlassen: ein grosser Sieg für Tierrechtsaktivistinnen und -aktivisten.

Diese positiven Auswirkungen, insbesondere der Rückgang der Kohlenstoff- und Treibhausgasemissionen, könnten als Sprungbrett einer künftig nachhaltige Politik dienen, doch dies wird nicht leicht sein. Laut der Forscherin für Nachhaltigkeitswissenschaften an der Universität Lund in Schweden, Kimberly Nicholas, weist die sozialwissenschaftliche Forschung darauf hin, dass Interventionen in Zeiten des Wandels sich als wirksamer erweisen. Dies deutet darauf hin, dass jetzt - in einem kritischen Moment der Geschichte - die Zeit für ein Eingreifen im Namen der Umwelt gekommen ist. Doch während die Welt, abgesehen von systemrelevanten Berufen und  wichtigen Unternehmen, weiterhin stillsteht, legt dies auch die Wirtschaft lahm. Dies führt zu grosser Unsicherheit und Unbehagen. Wenn sich die Wolke endlich lichtet, werden sich die Regierungen unmittelbar darauf konzentrieren, die Wirtschaft wieder anzukurbeln und die Industrie wieder auf den richtigen Weg zu bringen, um eine Verlängerung der grössten weltweiten Rezession seit der Finanzkrise 2008 zu vermeiden. Dies bedeutet schwierige Zeiten für eine langfristige Klimaschutzpolitik, die wahrscheinlich auf der politischen Prioritätenliste nach unten gerückt wird.

Viele Fachleute argumentieren, die langfristigen Auswirkungen der Pandemie auf das Klima würden davon abhängen, wie Länder und Unternehmen nach Aufhebung der Beschränkungen auf die Wirtschaftskrise reagieren werden, da eine Politik zur Abwendung des Klimawandels grosse infrastrukturelle und gesellschaftliche Veränderungen erfordert. Die Internationale Energieagentur warnt, die Nachwirkungen des Virus könnten Investitionen in saubere Energie und in Bemühungen zur Emissionsreduzierung schwächen und geht davon aus, dass die Regierungen die globale Erwärmung höchstwahrscheinlich nicht in ihren Konjunkturpaketen zur Wiederankurbelung der Wirtschaft berücksichtigen werden. Jacqueline Klopp, Ko-Direktorin des Center for Sustainable Urban Development an der Columbia University in New York City, weist jedoch darauf hin, die Pandemie könne ein Weckruf für Politik und Regierungen sein, um zu erkennen, dass andere Bedrohungen, einschliesslich des Klimawandels, für die Menschheit genauso verheerend sein könnten und es entscheidend sei, jetzt Schutzmassnahmen zu entwickeln.

Es steht ausser Frage, dass eine wirtschaftliche Entwicklung, die langfristige Nachhaltigkeit einschliesst, eine Reihe von infrastrukturellen Veränderungen erfordern würde, unabhängig davon, ob wir uns in einer Rezession befinden oder nicht. Doch der Druck zu handeln ist in einer Zeit, in der die Auswirkungen nachhaltigerer Praktiken deutlich werden (wenn auch unter Umständen, die niemand gefordert oder erwartet hätte), entscheidend. Professor Paul Monks, ein Experte auf dem Gebiet der Luftverschmutzung, sagt, jene Verbesserungen, die wir bereits gesehen haben - am deutlichsten bei der globalen Luftqualität - zwängen uns zu der Erkenntnis, dass ein riesiges Potenzial bestehe, die Veränderungen zu betrachten, die wir an unseren Lebens- und Arbeitsgewohnheiten vornehmen können. Ausschlaggebend könnten hierbei die Reaktionen und der Druck der Menschen auf ihre lokalen und nationalen Regierungen sein. Wollen wir zum Status quo zurückkehren und die langfristigen Risiken für die Menschheit weiter erhöhen, oder wollen wir die schwierige, aber zeitlich befristete Aufgabe bewältigen, infrastrukturelle Veränderungen vorzunehmen, um unseren Planeten und künftige Generationen auf einen besseren und grüneren Weg zu bringen?

Wie können wir ein besseres System schaffen, das den Menschen gerecht wird und der Natur mit Respekt begegnet? Welche Rolle werden Innovationen dabei spielen und wie können Zivilgesellschaft und politische Entscheidungsträgerinnen und -träger den Wandel beeinflussen? Wir sind der Überzeugung, dass wir diese Krise als Chance nutzen müssen, um systematische Veränderungen für die Menschen und für den Planeten zu bewirken.

Wir werden diese und andere Themen während des Caux-Dialogs über Umwelt und Sicherheit diskutieren, der vom 1. bis 4. Juli 2020 online stattfindet. Bitte schliessen Sie sich uns an, wenn Sie an diesem Wandel teilhaben wollen!

 

Karina Cheah ist Kommunikationspraktikantin bei IofC Schweiz und unterstützt den Caux-Dialog über Umwelt und Sicherheit sowie die Sommerakademie über Land, Sicherheit und Klima.

Irina Fedorenko ist die Leiterin des Caux-Dialogs über Umwelt und Sicherheit.

 

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